Internationales Beispiel

"Wer sind unsere Leader?"

Zum zehnjährigen Jubiläum von Welcoming America hat die Bewegung in einer Artikelserie wichtige Erkenntnisse zusammengefasst, welche Bausteine sich über die Jahre als sinnvolle Instrumente erwiesen haben, um offene und starke Sozialgemeinschaften in Communities zu etablieren. Susan Downs-Karkos erklärt in diesem Beitrag, warum Identifikation und Einbindung lokaler Führungspersönlichkeiten ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel ist.

Der Artikel wurde in erweiterter Fassung ursprünglich von Welcoming America in englischer Sprache veröffentlicht.

Warum brauchen wir Leader?

In den letzten zehn Jahren hat unsere Arbeit in den Kommunen immer wieder deutlich gemacht, dass Führungsstärke der wichtigste Erfolgsfaktor beim Aufbau von willkommen heißenden Communities ist.

Führungspersönlichkeiten, auch Leader genannt, tragen dazu bei, den Ton für eine offene Aufnahme und Teilhabe in der Gemeinschaft vorzugeben. Häufig ist das ein positiver Ton, der den Wert und die Beiträge aller Einwohner anerkennt. Umgekehrt kann der Ton jedoch auch negativ und durch Angst, Ausgrenzung und Intoleranz motiviert sein.

"Während die US-weite Rhetorik rund um das Thema Einwanderung nach wie vor vergiftet ist, tendieren die Verantwortlichen auf kommunaler Ebene zu deutlich mehr Aufgeschlossenheit und Aufnahmebereitschaft."

Zudem sind sie pragmatisch und verstehen, dass ihre Gemeinschaften am besten funktionieren, wenn sich alle zugehörig fühlen und beitragen können. Diese Leader haben erkannt, dass die Vitalität und der Erfolg von Städten, Gemeinden und Nachbarschaften abhängen von sozialem Zusammenhalt und einer gemeinsamen Zukunftsvision.

Wer sind die Leader?

Es ist notwendig, lokale, vertrauenswürdige Leader mit unterschiedlichem Hintergrund an den Prozessen zu beteiligen, die Eingliederung, Gleichberechtigung und Zugehörigkeit fördern. Sie verleihen den Willkommensbemühungen eine erhebliche Glaubwürdigkeit, Stärke und Wirkung. Persönlichkeiten zu finden, die den Respekt der Gemeinschaft genießen, neue Perspektiven beitragen und ein breites Spektrum politischer Ansichten vertreten, kann nur von Vorteil sein, auch wenn diese Bemühungen oft zeitintensiv und anstrengend sind. Dazu gehört die Einbeziehung von Leadern aller Ethnien, Bevölkerungsgruppen und Generationen, damit sie zu wichtigen Vorkämpfern für die Zusammenführung von Menschen werden und eine Integrationsagenda vorantreiben.

"Welche effektiven Leader kommen für diese Arbeit in Betracht? Die Antwort wird für jede Gemeinschaft etwas anders ausfallen und vom jeweiligen Zielpublikum abhängen."

Als mögliche Kandidaten für diese Rolle bieten sich zum Beispiel in den USA folgende Personen an:

  • Viele Glaubensführer*innen sind bestürzt über die von ihnen als moralische Krise empfundene Spaltung der USA und wollen Brücken schlagen. Sie haben eine enorme Reichweite in ihren Gemeinschaften. Durch ihre Stellung können sie Menschen zusammenbringen, die normalerweise nicht miteinander in Berührung kommen.
  • Führungskräfte der Kommunalverwaltungen, bspw. in den Ämtern für Einwanderungsangelegenheiten, kommunales Engagement u.a. wirken als wichtiger Gegenpol in Bezug auf die negative Darstellung von Sachverhalten, die in diesen Zeiten zu Spaltungen und Ausgrenzung führen. Auf die Frage, wer in ihre Stadt gehört, geben diese Leader oft Antworten, die sozial integrativ sind.
  • Gewählten Amtsträgern, darunter Bürgermeister*innen, Bezirksvorständen sowie Stadt- und Bezirksratsmitgliedern, steht eine hervorragende Plattform zur Verfügung, auf der sie an jedem Ort positiv über Integration sprechen und schreiben können. Dies trägt dazu bei, der Diskussion eine neue Ausrichtung zu geben.
  • Schulleitungen, Pädagog*innen und Lehrer*innen möchten allen Kindern zum schulischen Erfolg verhelfen. Sie erkennen die Beziehungen zwischen akademischem Erfolg, dem Wohlbefinden innerhalb der Familie sowie den Verbindungen zur Gemeinschaft. Schulen sind ein perfekter Ort für Willkommensaktivitäten und Veranstaltungen, die Menschen zusammenführen. Daher sollten sie sich intensiv mit der Willkommensarbeit befassen.
  • Museumsleiter*innen können die Gräben in den Communities überbrücken, Lücken im kulturellen Bewusstsein schließen und die Besucher*innen zu neuen Perspektiven herausfordern. Museen, die sich im Dienste ihrer Gemeinschaften engagieren, lehren uns, kulturelle Unterschiede zu schätzen, das Gefühl individueller und kollektiver Identität zu stärken, uns durch Wissen zu befähigen und das Verständnis für unsere Verbindungen zur Welt und untereinander zu fördern.
  • Communities funktionieren am besten, wenn sich Nachbar*innen mit unterschiedlichem Hintergrund bürgerschaftlich für die Mitgestaltung einer gemeinsamen Zukunft engagieren. Erfolgreiche Willkommensinitiativen stützen sich sowohl auf ein multikulturelles Engagement der Einheimischen als auch auf eine tiefere Einbindung, die an der gesellschaftlichen Basis der Gemeinschaft ansetzt. Es reicht nicht aus, Events für Fokusgruppen oder Bürgerforen zu veranstalten, um Anregungen und Feedback zu sammeln. Die Menschen müssen am Entscheidungstisch zu Wort kommen können.
  • Die Handelskammern und Unternehmen entwickeln ein zunehmend besseres Verständnis der wichtigen wirtschaftlichen Rolle von Einwander*innen und der ökonomisch begründeten Notwendigkeit für gerechte und integrative Communities. Viele von ihnen engagieren sich vor Ort für die Integration von Immigrant*innen. Sie haben erkannt, dass die Anwerbung und Bindung einer multikulturellen und talentierten Belegschaft wirtschaftlich vorteilhaft und sinnvoll ist.
  • Alle möchten in einer sicheren Umgebung leben. Wenn Beauftragte für öffentliche Sicherheit proaktiv Vertrauen aufbauen und die Bedeutung des Konzepts einer Nachbarschaft, in der man sich hilft, teilen, dann können diese Bemühungen sehr viel Positives bewirken

Wie können Leader für Engagement begeistert werden?

Leader müssen die wichtige Aufgabe des Brückenschlags und der Integration zur Priorität machen. Dabei sollten sie als positive Vorbilder dienen, um diese Art von Arbeit in ihren eigenen Institutionen wie auch in der gesamten Gemeinschaft voranzubringen. Auch wenn diese Rolle bspw. in typischen Arbeitsplatzbeschreibung nicht so vorgesehen sein mag, gibt es faktisch überall Leader, die den Ton angeben und das Verhalten vorleben, das zur Entwicklung solidarischer Gemeinschaften erforderlich ist.

"Die Entwicklung eines proaktiven Ansatzes für die Einbindung multikultureller Leader in der Gemeinschaft sollte dazu beitragen, dass die Willkommensarbeit weiter an Dynamik gewinnt und eine langfristigere Nachhaltigkeit erreicht wird."

Da dies selbstverständlich nicht von Heute auf Morgen geschieht und auch nicht einfach ist, haben wir einige Empfehlungen für ein erfolgreiches örtliches Leadership-Engagement:

  • Vergessen Sie nie, wie wichtig die Grundlagen der Beziehungsentwicklung sind. Nehmen Sie sich Zeit, Beziehungen zu wichtigen Führungspersönlichkeiten in Ihrer Gemeinschaft aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Sie brauchen Zeit, um Ihre lokalen Leader kennenzulernen, und diese brauchen Zeit, um mehr über Ihre Arbeit zu erfahren. Seien Sie den örtlichen Leadern ein guter Partner, indem Sie deren Zeit sinnvoll nutzen und Ihren eigenen Verpflichtungen nachkommen.
  • Bringen Sie Führungskräfte zusammen, um einen Willkommensplan oder eine Willkommensstrategie zu entwickeln. Über einen Zeitraum von z.B. einem Jahr haben die Leader in diesem Zuge die Gelegenheit, sich von anderen Beteiligten über die vorhandenen Schwachstellen und Stärken in der aktuellen lokalen Politik und der Programmgestaltung zum Thema Integration zu informieren. Durch die Entwicklung einer gemeinsamen Roadmap zur Förderung einer Willkommenskultur lernen sie mehr über ihre wichtige Rolle und die entscheidenden Schritte, die sie unternehmen können.
  • Helfen Sie allen Leadern zu verstehen, wer regelmäßig an der Entscheidungsfindung beteiligt ist und welche Dringlichkeit die Teilhabe eines breiteren Spektrums von Personen an Entscheidungen für die Community hat. Allzu häufig werden dieselben Personen zum Engagement und zur Entscheidungsfindung aufgerufen, wobei viele, die wichtige Perspektiven und Lebenserfahrungen einbringen könnten, außen vor bleiben. Die kontinuierliche Kontaktsuche und Einbindung neuer Stimmen in die Entscheidungsfindung, einschließlich Einwander*inner und Neuankömmlinge, die sich normalerweise nicht engagieren, ist für die Förderung einer Führungskompetenz, in der sich die Gemeinschaft wirklich widerspiegelt, von entscheidender Wichtigkeit. Das bedeutet, dass ständig festzustellen ist, wer einen Sitz in Gremien und Ausschüssen einnimmt und wie Personen mit diversem Hintergrund ermutigt werden können, sich in demokratischen Aktionsräumen zu engagieren und Führungsrollen einzunehmen.
  • Investieren Sie in die Entwicklung von Führungspersönlichkeiten, die gezielt Brücken zwischen multikulturellen Communities schlagen. Führungspersönlichkeiten aller Hintergründe müssen weiterhin über das breite Spektrum der Erfahrungen von Mitgliedern der Gemeinschaft lernen. Aktivitäten, die Führungspersönlichkeiten einbinden, sollten sich darauf konzentrieren, ihnen zu helfen, von anderen Einwohner*innen mit unterschiedlichem Hintergrund zu lernen und aktiv mit ihnen zusammenzuarbeiten.
  • Sprechen Sie Führungswechsel an und bereiten Sie sich darauf vor. Community Leader wechseln mit der Zeit. Auch gewählte Amtsträger*innen können ihre Wiederwahl verlieren oder Amtszeitbeschränkungen unterliegen. Andere Führungspersönlichkeiten ziehen möglicherweise in andere Städte, gehen in den Ruhestand oder wechseln ihre Position. Deshalb ist es besonders wichtig, in den Aufbau von Beziehungen zu einem breiten Spektrum lokaler Führungspersönlichkeiten mit unterschiedlichem Hintergrund zu investieren. Im Laufe der weiteren Veränderungen und des Wachstums Ihrer Community wird die Suche nach neuen Persönlichkeiten dazu beitragen, dass Ihre Arbeit beständig, aktuell und sinnvoll bleibt.

Download

Hier können Sie den Artikel als PDF herunterladen, um ihn auszudrucken oder anderen Interessierten zu schicken.

Nina Mikolaschek


Nina Mikolaschek ist Senior Beraterin im Team Öffentlicher Sektor der PHINEO gAG. Sie ist stellv. Projektleitung des Modellprojekts Weltoffene Kommune und die Verantwortliche für den Beirat sowie die Entwicklung und Umsetzung von Formaten für kommunale Führungskräfte/Entscheidungsträger*innen. Ihre Erfahrung im Bereich Strategie-, Organisationsentwicklung und Internationalisierung bringt sie zudem in die prozessbegleitenden Workshops ein.