Bericht Dialogveranstaltung

Zwickau: Weltoffenheit im Alltag einer Stadt

Dialog und Austausch in Präsenz? IRL? Nach über einem Jahr Pandemie, Social Distancing und digitalen Workshops konnten wir vom Projektteam „Weltoffene Kommune“ uns das kaum vorstellen. Unseren Modellkommunen ging das ähnlich. Doch am 20. Juli 2021 kamen wir dann tatsächlich für eine unserer ersten Präsenzveranstaltungen zum Dialog mit über 50 Bürgerinnen und Bürgern in Zwickau zusammen. Oberbürgermeisterin Constance Arndt hatte unter dem Titel „Weltoffenheit in Zwickau“ Bürgerinnen und Bürger eingeladen, Vielfalt und Entwicklung der Stadt zu diskutieren – endlich wieder vor Ort und ganz persönlich.

Zentraler Diskussionspunkt des Abends war die Frage, wieso Zwickau eigentlich Weltoffenheit braucht. Constance Arndt wie auch viele Teilnehmende wiesen darauf hin, dass die Bevölkerung Zwickaus seit Jahren abnimmt und dass die Stadt auch durch Zuwanderung aus anderen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt lebendig bleibt. Diesen Punkt bestärkten die anwesenden Unternehmen wie beispielsweise VW. Für sie ist besonders der steigende Fachkräftebedarf in Zwickau eine Herausforderung, deshalb hoffen sie darauf, dass Neuzuwanderer:innen nicht nur kommen, sondern sich auch wohlfühlen und bleiben. Doch was heißt Weltoffenheit denn eigentlich genau, wie kann sich die Stadt weltoffen entwickeln und wie können die Einwohnerinnen und Einwohner selbst dazu beitragen?

Diesen Fragen widmete sich die Veranstaltung in zwei Teilen. Zunächst tauschten sich die Teilnehmenden zu ihrer ganz persönlichen Geschichte mit Zwickau aus, wo die eigene und wo andere Kulturen sichtbar werden und schließlich, was für sie Weltoffenheit bedeutet. Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie aus Ungarn kommt und in Zwickau zwar viele andere Kulturen, aber leider die ungarische Kultur gar nicht verankert ist. Ein anderer Teilnehmer berichtete von seiner bayerischen Herkunft, dass er nun seit vielen Jahren in Zwickau lebt und hier seine Heimat gefunden hat. Ein weiterer Teilnehmer ließ uns teilhaben an seinen Erfahrungen aus dem Afrikanischen Verein, der die Kulturen verschiedener afrikanischer Regionen nach Zwickau bringt.

Im zweiten Teil diskutierten die Teilnehmenden, wo und wie Weltoffenheit konkret stattfinden soll. Die klare Antwort: Überall! Ein Beispiel lag aber allen besonders am Herzen: Der ÖPNV. In Zwickau ist Weltoffenheit im ÖPNV an zwei Punkten nötig. Einerseits sind die Informationen zu Fahrplänen, Haltestellen und Streckenplänen für Nicht-Zwickauer:innen schwer auffindbar bzw. nachvollziehbar. Die Informationen sind nicht mit gängigen Verkehrs-Apps verknüpft und nicht in anderen Sprachen verfügbar, nicht einmal in Englisch. Um weltoffen zu sein, sollten unterschiedliche sprachliche Kenntnisse berücksichtigt werden. Zudem ist Weltoffenheit in Form von Zivilcourage, Toleranz und Solidarität nötig. Gerade in Bus und Bahn erleben Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte immer wieder Anfeindungen, verbale aber auch viel zu oft physische Übergriffe. Weltoffenheit heißt unbedingt, dass menschenfeindliche und rassistische Äußerungen und Angriffe durch alle - Mitfahrende genauso wie Busfahrer:innen - aktiv unterbunden werden. Dafür braucht es einen Bewusstseinswandel in der Gesamtbevölkerung, aber auch Trainings für die Beschäftigten im ÖPNV.

Diese und viele weitere Beispiele wurden von den Teilnehmenden leidenschaftlich diskutiert und am Schluss waren sich alle einig: Wenn Zwickau ein Zuhause für viele verschiedene Menschen sein und wieder wachsen möchte, dann braucht es einen Wandel im Denken und Handeln, der überall und besonders in den ganz alltäglichen Situationen wie beim Einkaufen, der Wohnungssuche, beim Sport oder eben in Bus und Bahn spürbar wird.

Hier können Sie den Artikel als PDF herunterladen, um ihn auszudrucken oder anderen Interessierten zu schicken.

Annalena Rehkämper


Annalena Rehkämper ist Beraterin im Team Öffentlicher Sektor der PHINEO gAG. Ihr Schwerpunkt sind Strategieentwicklungs- und Beteiligungsprozesse. Sie begleitet Kommunen bei der Standortbestimmung und Prozessentwicklung hin zur Weltoffenen Kommune, sowie der Konzeption und Durchführung von digitalen und analogen Austauschformaten mit Einwohner*innen, Politik und Verwaltung.