Leitartikel

Was ist eigentlich Weltoffenheit?

Der Titel unseres Modellprojekts lautet „Weltoffene Kommune – Vom Dialog zum Zusammenhalt“. Aber was genau bedeutet das eigentlich - Weltoffenheit?

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Philosophie, ist aber längst in der Alltagssprache angekommen. Unterwegs hat sich auch die Bedeutung des Begriffs gewandelt. Heute beschreibt Weltoffenheit eine Haltung. Sozusagen die Haltung, der Welt gegenüber und all der Menschen und Dinge, die in ihr sind, offen zu sein.

Im Rahmen des Modellprojekts haben wir den Begriff nochmal genau unter die Lupe genommen. Wir definieren Weltoffenheit als Wertschätzung für Vielfalt, für eine diverse Gesellschaft. Dies beinhaltet Selbstreflexion, den offenen und respektvollen Umgang miteinander, sowie das Ziel der gleichen gesellschaftlichen Teilhabe aller. Diese Haltung können Einzelpersonen aber auch Organisationen und Institutionen, also die ganze Kommune, annehmen, die mit ihren Organisationsstrukturen, den niedergeschriebenen und unausgesprochenen Regeln und ihrem Verhalten Weltoffenheit mit Leben füllen.

Selbstreflexion

Die Reflexion über eigene Einstellungen, Gedanken und Verhaltensmuster kann als Grundlage einer weltoffenen Haltung verstanden werden.

Als Einzelperson kann ich meine bewussten und vielleicht auch bislang unbewussten Vorurteile reflektieren: Denke ich in bestimmten Klischees über eine Gruppe? Treffe ich pauschalisierende Annahmen? Warum ist es mir wichtig, die Herkunft meiner Gesprächspartnerin oder ihrer Eltern zu kennen? Um das Reflektieren nochmal ganz deutlich zu machen, lohnt sich der Blick auf folgende Anekdote: Ein Verwaltungsmitarbeitender mit sichtbarer Einwanderungsgeschichte ist auf dem Weg in sein Büro im dritten Stock des Rathauses. Ein anderer Verwaltungsangestellter sieht ihn und bittet ihn, wieder runter ins Erdgeschoss zu gehen, die oberen Etagen seien für Publikumsverkehr geschlossen. Ihm war nicht in den Sinn gekommen, dass sein Gegenüber ein Kollege sein könnte, den er noch nicht kennengelernt hat. In der Auseinandersetzung mit solchen unbewussten aber auch bewussten Annahmen können wir verstehen, mit welcher Brille wir jemanden sehen und wie das unser Denken und Verhalten beeinflusst – und was das bei Mitmenschen auslösen kann.

Ebenso wie Einzelpersonen können sich auch Institutionen reflektieren und kritisch analysieren, wie ihre Strukturen aufgebaut sind. Öffentliche Verwaltungen können hier den Blick nach innen und nach außen richten. Intern lohnt es sich zu hinterfragen, welche Bevölkerungsgruppen in der Mitarbeitendenschaft vertreten sind, wie es um die interkulturellen Kompetenzen wie Mehrsprachigkeit und Kultursensibilität der Mitarbeitenden bestellt ist, oder wie die interne Kommunikation gestaltet ist. Hier kann die Verwaltung bspw. fragen, warum es wenige bis keine Bewerbungen von Menschen mit internationaler Geschichte gibt oder warum Mitarbeitende mit sichtbarer Einwanderungsgeschichte seltener befördert werden, öfters befristet beschäftigt sind oder unterhalb ihrer Qualifikationsstufe arbeiten. Aus dieser Reflexion heraus kann eine diversitätsorientierte Organisationsentwicklung und damit die weltoffene Haltung der Verwaltung gefördert werden. Darüber hinaus sollte die Verwaltung auch betrachten, wie ihre Kommunikation nach außen, in die Stadtgesellschaft hinein und im Kontakt mit Bürger:innen und Einwohner:innen gestaltet ist. Manche Formulierungen, Bilder oder Kanäle können ausschließend oder – auch wenn dies unbeabsichtigt ist – diskriminieren. Daher ist auch hier die Reflektion der erste Schritt zur weltoffenen Haltung.

Damit ist der Begriff Weltoffenheit auch anschlussfähig an den Begriff der „Offenen Gesellschaft“ (Karl Popper). Nach Popper zeichnen sich offene Gesellschaften durch einen Meinungsaustausch aus, der auch kulturelle Veränderungen ermöglicht. Damit grenzt sich die Offene Gesellschaft deutlich von ideologisch festgelegten, geschlossenen Gesellschaften ab.

Offener und wertschätzender Umgang

Zweitens gehört zu einer weltoffenen Haltung der respektvolle und wertschätzende Umgang miteinander. Das bedeutet offen aufeinander zugehen, Lernbereitschaft mitbringen, aber auch sensibel sein für die Bedürfnisse und Interessen des Gegenübers. In einer diversen Gesellschaft treffen immer wieder verschiedene Ansichten, Kulturen und Religionen aufeinander. Die weltoffene Haltung beinhaltet das Ziel, diese Ansichten und Kulturen, die sich von der eigenen unterscheiden, zu verstehen und zu lernen, wie sie sich zueinander verhalten können.

Auch das lässt sich an einem konkreten Beispiel veranschaulichen: Eine Verwaltungsmitarbeiterin mit internationaler Geschichte und Kenntnissen aus den Verwaltungsabläufen ihres Herkunftslands bringt einen Vorschlag zur Abwandlung eines Arbeitsprozesses. Sie hat gute Erfahrungen mit diesem Vorgehen gemacht und erläutert die Möglichkeit der Effizienzsteigerung. Ihr Amtsleiter nimmt die Idee auf, fragt nach den einzelnen Prozessschritten aber auch, wie es ihr und ihren Kolleg:innen im Arbeitsalltag damit ging. Schließlich prüft er, inwiefern diese Abläufe sich in der hiesigen Verwaltungsordnung umsetzen lassen und findet gemeinsam mit seiner Kollegin einen guten Weg, den neuen Arbeitsprozess zu etablieren. Sein offenes und wertschätzendes Vorgehen zeigt sich hier im Nachfragen und Verstehenwollen. Und schließlich führt der Austausch von Erfahrung hier zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit.

Daraus entsteht eine diverse Gesellschaft, die unser Leben bereichert. Das fängt an bei kulinarischen Einflüssen, geht weiter über Literatur, Tanz und Musik, bringt Innovationen für die Wirtschaft und neue Perspektiven in die Politik.

Gleiche Teilhabemöglichkeiten

Schließlich beinhaltet der Begriff Weltoffenheit das Ziel, dass alle Menschen gleichermaßen an unserer Gesellschaft teilhaben können. Das bedeutet, dass alle Mitglieder der Gesellschaft die gleichen Teilhabechancen haben, also, dass sie sich in die Mitgestaltung ihrer Stadt einbringen können, den gleichen Zugang zu Wohnraum und Gesundheit haben und ebenso wie alle anderen Zugang zu Arbeitsplätzen und politischen Ämtern haben. Damit das möglich wird, müssen Strukturen aufgebrochen und verbindlich weiterentwickelt werden. In einer weltoffenen Kommune wird gemeinsam an diesem Ziel gearbeitet: In Austauschreihen, in Seminaren und Workshops entwickeln die verschiedenen Mitglieder der Kommune eine weltoffene Haltung setzen diese in ihrem Arbeitsalltag oder in ihrem Dasein als Einwohnerin und Bürger um. So entsteht, was Prof. Dr. Erol Yildiz als die weltoffene Stadt bezeichnet. Er schreibt: „Urbane Orte »öffnen sich zur Welt«, wandeln sich zu vielfältigen Zentren für unterschiedliche Traditionen, Kulturen und Erfahrungen. Und dies wesentlich unter dem Einfluss von Migration.“ Mit unserem Projekt „Weltoffene Kommune“ möchten wir hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten, indem wir einen Prozess gestalten, der wirkungsorientiert, transparent und messbar ist. Es braucht eine gemeinsame wertebasierte Haltung und gemeinsame Herangehensweise, damit „Weltoffenheit“ sich in konkrete Veränderungen übersetzt.

Fazit

Das weltoffene Miteinander im persönlichen Kontakt oder als Haltung einer ganzen Kommune fördert somit das gute Zusammenleben aller. Diese Haltung, die sich in den Institutionen widerspiegelt, setzt gleichzeitig ein Zeichen pro Vielfalt und gegen Diskriminierung, Rassismus und Rechtsextremismus. Mit der vom Modellprojekt gefassten Definition zeigt sich Weltoffenheit als ein zentrales Element demokratischer Gesellschaften: Hier steht das gemeinsame Gestalten im Fokus, wo nicht die Herkunft oder Nationalität der beteiligten Personen entscheidend sind, sondern das Ziel des guten Zusammenlebens. Nicht Herkunft zählt, sondern die Grundsätze und das Gleichheitsgebot unserer Verfassung.

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Annalena Rehkämper


Annalena Rehkämper ist Beraterin im Team Öffentlicher Sektor der PHINEO gAG. Ihr Schwerpunkt sind Strategieentwicklungs- und Beteiligungsprozesse. Sie begleitet Kommunen bei der Standortbestimmung und Prozessentwicklung hin zur Weltoffenen Kommune, sowie der Konzeption und Durchführung von digitalen und analogen Austauschformaten mit Einwohner*innen, Politik und Verwaltung.

Claudia Walther


Claudia Walther, Senior-Projektmanagerin, ist seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung. Ihre Themen: Einwanderung und Vielfalt in Kommunen. Sie leitet das Projekt Weltoffene Kommune bei der Bertelsmann Stiftung und arbeitet im Programm LebensWerte Kommune.

Farhad Dilmaghani


Farhad Dilmaghani verantwortet als Vorstandsbevollmächtigter den Bereich Öffentlicher Sektor bei der PHINEO gAG. Er arbeitet seit 20 Jahren an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Sektor u.a. im Bundeskanzleramt und im Land Berlin, bei Unternehmen wie der Allianz SE und der Zivilgesellschaft mit. Er ist Spezialist für wirkungsorientierte Strategie- und Organisationsentwicklungsprozesse unter Beteiligung diverser Anspruchsgruppen.