Die Integrationsbeauftragte Silvia Klein im Interview

"Man braucht einen langen Atem"

Silvia Klein teilt im Interview ihre Erfahrungen als Integrationsbeauftragte – und spricht unter anderem über ihre fünf wichtigsten Aufgaben, die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren und Kommunikation als Grundlage von Beteiligungsverfahren.

Claudia Walther: Frau Klein, Sie sind seit vielen Jahren Leiterin der Koordinationsstelle Integration der Stadt Erlangen. Was waren damals Ihre Aufgaben?

Silvia Klein: Zunächst war ich ab 1986 als Geschäftsführerin des Ausländer- und Integrationsbeirats tätig. 2006 haben wir dann ein Leitbild zur Integration in einem partizipativen Verfahren mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft, aus Politik und Verwaltung entwickelt. 85 Vertreter*innen aus den verschiedenen Bereichen nahmen daran teil, unter anderem von der Uni und auch von Wohnungsbaugesellschaften. Es ging um die Entwicklung des Leitbildes, von Zielen und Maßnahmen. Erst aus diesem Prozess bildete sich die Struktur mit der Koordinationsstelle für Integration – bis dahin gab es nur die Geschäftsstelle des Ausländer- und Integrationsbeirates.

Der Stadtrat hat das Ergebnis einstimmig beschlossen. Denn der Stadtrat hat ja die politische Verantwortung. Die Verwaltung trägt dagegen die organisatorische Verantwortung, ist für die Umsetzung und Koordinierung zuständig. Folgende Struktur wurde etabliert: Ein Lenkungskreis wurde eingerichtet, der aus Vertreter*innen der Politik und des Ausländer- und Integrationsbeirates besteht. Er ist zuständig für die grundsätzliche Ausrichtung und Steuerung, er bereitet die Entscheidungen der Politik vor. Nach der Kommunalwahl wird der Lenkungskreis neu konstituiert und ist für sechs Jahre in Funktion. Die Geschäftsführung liegt bei der Koordinationsstelle Integration.

"Hier geht es um die Diskussion zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft"

Eine Integrationskonferenz dient als offenes und Impuls-gebendes Gremium und der Kommunikation in die Bürgerschaft – zudem holt sie Projektideen ein. Dazu gehören auch der Austausch und die Zusammenarbeit mit Migrant*innenorganisationen und anderen externen Akteuren. Hier geht es also um die Diskussion zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft. Ein Integrationsmonitoring wurde beschlossen und mit der Abteilung für Statistik realisiert. Inzwischen gibt es bereits den dritten Bericht. Dieser umfasst Daten, die für die Themen Migration und Integration relevant sind, beispielsweise zu Bevölkerung, Bildung und Bürgerbeteiligung.

Zu meinen Aufgaben gehört die Kommunikation nach innen und außen. Nach innen heißt das beispielsweise, das Leitbild in den Dienststellen vorzustellen, mit allen Stellen zu diskutieren: Was bedeuten die Leitsätze konkret für uns als Dienststelle? Wie können wir diese herunterbrechen auf unsere Aufgaben? Manche sind hier natürlich mehr motiviert, andere eher verhalten. Mir ist wichtig, dass es nicht um Sondermaßnahmen geht, sondern um eine Haltung, die Vielfalt im Blick hat! Es geht darum, den Blick zu schärfen für die verschiedenen Zielgruppen.

"Aktuell wird eine Vielfaltskonferenz entwickelt"

Ein Beispiel: Wie erreiche ich in einer Schule Eltern mit Migrationshintergrund zum Elternabend? Ich muss die Zielgruppen schon spezifisch ansprechen, damit alle teilnehmen können: Da geht es um die Art der Einladung, die Ansprache, das Format der Veranstaltung und zum Beispiel auch den Termin.

Nach außen gehören dazu beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Migrant*innenorganisationen und die Einbeziehung weiterer Akteure der Stadtgesellschaft. So entscheiden beispielsweise die Teilnehmenden der Integrationskonferenz am Ende immer gemeinsam über das Thema der nächsten Konferenz. Diese wird dann mit externen Akteuren vorbereitet.

Die Integrationskonferenz hat bisher bereits zehnmal stattgefunden, und zwar jährlich. Andere Themenbereiche sind mit Konferenzen nachgezogen, beispielsweise Bildung und Gesundheit. Inzwischen gibt es eine gewisse Konferenz-Müdigkeit. Daher sind wir nun auf einen Zweijahres-Rhythmus übergegangen. Aktuell wird diese weiterentwickelt zur Vielfaltskonferenz.

Was hat sich seither an Ihrer Arbeit geändert?

Silvia Klein: Die Zuständigkeit für Integration wurde nach und nach von den Ämtern als eigene Aufgabe anerkannt. Ich finde es positiv, dass diese nun eigenständig neue Programme und Projekte erarbeiten. Weitere Themen und Angebote sind hinzugekommen. So hat das Thema Sprachförderung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Hier haben wir weitere niedrigschwellige Programme, ergänzend zu den VHS und BAMF Kursen, entwickelt und angeboten: in Stadtteilen und in Kitas.

"Nur in der konkreten Auseinandersetzung und Reflexion finden Lernen und Veränderung statt"

Zudem haben wir ein Mentoren-Programm für ehrenamtliche Bildungspat*innen aufgebaut. Mit der Stadt Nürnberg haben wir das Xenos-Projekt zur Interkulturellen Öffnung der Kommunen durchgeführt, durch das Mitarbeitende in ihrer beruflichen Handlungskompetenz gestärkt werden sollen. Dieses Training zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht um “Rezepte“ oder die sogenannten Dos and Don'ts geht, sondern darum, in konkreten Situationen handlungsfähig zu sein oder zu werden. Nur in der konkreten Auseinandersetzung und Reflexion mit beruflichen Situationen finden tatsächlich Lernen und Veränderung statt. Ein weiteres Projekt war die Weiterentwicklung der Ausländerbehörde zur Willkommensbehörde.

2014 ging es dann um die Weiterentwicklung der Koordinierungsstelle für Integration hin zum Büro für Chancengleichheit und Vielfalt. Hierzu haben wir seit 2015 ein Konzept. Ich halte es für einen innovativen Weg, alle Diversitäts-Dimensionen zusammen zu denken. Denn man kann einfach nicht Personen auf ein einziges Merkmal reduzieren. Unser Ziel ist es, Vielfalt als Ressource anzuerkennen, Diskriminierung zu verhindern und Vielfalt in alle Bereiche zu integrieren. Am Beispiel Sprache wird deutlich, dass einfache Sprache nicht nur einer Gruppe hilft, sondern mehreren – sowohl Menschen mit Behinderungen, als auch Neuzugewanderten.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten 5 Aufgaben einer Integrationsbeauftragten?

Silvia Klein:

  1. Integration als Gestaltungsaufgabe. Es gilt, ein Bewusstsein zu schaffen, Vielfalt als Ressource zu sehen, die Vorzüge der offenen Gesellschaft deutlich zu machen und Integration als Chance für die Gesellschaft und die Wirtschaft zu sehen.
  2. Positive Narrative durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit zu verbreiten. „Wir sind Erlangen“ heißt beispielsweise unser Buch, das Portraits von Zugewanderten als positive Beispiele enthält. Dieses Buch wird als offizielles Gastgeschenk der Stadt Erlangen verwendet und auch bei den Einbürgerungsfeiern überreicht. Im Rahmen des Europarat-Projektes Intercultural Cities wurden wir neben fünf weiteren europäischen Städten ausgewählt, am Projekt StoryCities teilzunehmen.

    Zahlreiche Menschen und Einrichtungen haben dazu beigetragen, dass die Vorteile und Chancen unserer vielfältigen Stadtgesellschaft auf unterschiedlichste Weise zum Ausdruck gekommen sind. In der Corona-Krise haben wir eine Social Media-Aktion genutzt, um Solidarität in der Corona-Krise sichtbar zu machen, beispielsweise einen Elterntalk für indische Familien.
  3. Zusammenarbeit mit Akteuren der Zivilgesellschaft und aktuelle Themen aufgreifen! Beispielsweise haben wir gemeinsam mit der Islamischen Religionsgemeinschaft zum Ramadan eine Handreichung für Lehrkräfte herausgegeben, die auch von Schulen, der Uni und dem bayerischen Islamrat genutzt wird.
  4. Interkulturelle Öffnung der Verwaltung vorantreiben: Hier sind der direkte Zugang zum Oberbürgermeister und die Verankerung des Themas als Querschnittsaufgabe wichtig. Die Stadt Erlangen hat die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Religiöse Feiertage wurden bei Urlaubsansprüchen anerkannt. Zwar konnte der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund noch nicht zufriedenstellend gesteigert werden, aber das Personalamt hat das Prinzip Vielfalt im Masterplan aufgenommen sowie Vielfaltskompetenz als Weiterbildungsziel.

    So wurden bei uns die Stellenausschreibungen geöffnet und es wurde ein Passus aufgenommen, dass Bewerber*innen mit ausländischen Abschlüssen willkommen sind. Auch in der Werbung wird mit Vielfalt zeigenden Fotos und Flyern geworben.
  5. Politik und Verwaltung bei der Weiterentwicklung unterstützen und aktuelle Themen und Fragestellungen immer wieder einbringen. Man braucht immer einen langen Atem.

Bei unseren Handlungsfeldern im Modellprojekt Weltoffene Kommune fällt möglicherweise eines als ungewöhnlich auf: das Handlungsfeld Kommunikation und Konfliktmanagement. Welche Bedeutung würden Sie diesem persönlich zumessen?

Silvia Klein: Kommunikation ist die Grundlage für Beteiligungsverfahren, um allen Menschen hier einen Zugang zu ermöglichen. Daher geht es insgesamt darum, Kommunikation zu verbessern und Beteiligung zu erleichtern: Wie kommunizieren wir, damit wir von allen verstanden werden? Hierzu gehören auch nichtdiskriminierende Sprache und zum Beispiel unsere Informationen zu Corona in sieben verschiedenen Sprachen, leichter Sprache und Gebärdensprache. Corona hat gezeigt, wie relevant die richtige Kommunikation ist!

In unserem Büro ist auch die Antidiskriminierungsarbeit angesiedelt. Hier geht es zum einen um proaktive Antidiskriminierungsarbeit, wie zum Beispiel unsere Teilnahme am Programm „Demokratie leben“, aber auch um Antidiskriminierungsberatung für alle Bürger*innen und Beschäftigte der Stadtverwaltung.

Was würden Sie einer neuen Kollegin, die als Integrationsbeauftragte antritt, mit auf den Weg geben?

Silvia Klein: Wichtig ist, wo die Stelle für Integration verankert ist. Die enge Anbindung an die Verwaltungsspitze ist hierbei wichtig. Und auch Kontakte in Gremien, Ämtern und Politik sind wichtig. Nur mit allen gemeinsam ist eine erfolgreiche Arbeit möglich. Die Interkulturelle Öffnung muss zum Thema gemacht werden. Es geht darum, dass sich die vielfältige Stadtgesellschaft in den Angeboten widerspiegelt.

Nach außen geht es darum, ein Netzwerk auszubauen, weiterzuentwickeln und mit Akteuren der Zivilgesellschaft zu kooperieren. Gegenseitiges Kennenlernen, Dialog, Information und Interaktion tragen entscheidend zu guten Beziehungen in einer vielfältigen Stadtgesellschaft bei. Dabei aber bitte nicht aus den Augen verlieren, dass es nicht nur um die ethnische Dimension geht, sondern auch Geschlecht, Alter, Weltanschauung, soziale Gruppe eine wichtige Rolle spielen.

Wichtig ist die Haltung alles in partizipativen Beteiligungsverfahren zu erarbeiten. Es hat keinen Wert, wenn eine Beauftragte allein ein Konzept erarbeitet. Nicht für, sondern mit der Zielgruppe müssen Aktivitäten erarbeitet werden. Es ist gut, einen Impuls zu setzen, aber die Arbeit im Austausch weiterzuentwickeln.

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Silvia Klein


Silvia Klein ist Leiterin des Büros für Chancengleichheit und Vielfalt. Sie leitet damit gleichzeitig die hierzu gehörige Koordinationsstelle für Integration der Stadt Erlangen. Silvia Klein arbeitet bereits seit 1986 für die Integrationspolitik der Stadt Erlangen und hat die Weiterentwicklung der Integrations- und Vielfaltsarbeit in Erlangen verantwortet.

Claudia Walther


Claudia Walther, Senior-Projektmanagerin, ist seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung. Ihre Themen: Einwanderung und Vielfalt in Kommunen. Sie arbeitet im Projekt Weltoffene Kommune, Programm LebensWerte Kommune, Bertelsmann Stiftung.