Zwickaus OB Pia Findeiß im Interview

"Wir brauchen positive Beispiele und Weiterbildungen"

Auch ein informeller Peer-to-Peer-Austausch unter Kolleg*innen kann äußerst hilfreich sein – und gemeinsame Spaziergänge eine clevere Kommunikationsstrategie. Warum das so ist, erklärt Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß im Interview.

Farhad Dilmaghani: Frau Findeiß, wie würden Sie den Status quo in Zwickau bezüglich Weltoffenheit und Vielfalt beschreiben?

Pia Findeiß: Es gelingt uns nicht, die Leute zu halten, insbesondere nicht diejenigen, die von den Universitäten kommen. Von ihnen gibt es eine ganze Reihe mit ausländischen Wurzeln. Wir haben nur einen Ausländeranteil von sechs Prozent und keine Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen. Es gibt Netzwerke an der Uni, der Industrie- und Handelskammer und in den Verwaltungen, aber die müssen viel besser gepflegt werden. Sie müssen ein gemeinsames Ziel der Weltoffenheit verfolgen, und dann muss auch die Vernetzung funktionieren. Eigentlich haben wir als dynamischer Automobilstandort gute wirtschaftliche Voraussetzungen.

Welche Formate des Austauschs, der Beratungsangebote oder der Weiterbildungen fänden Sie als Entscheidungsträgerin sinnvoll, um Ihre Kommune nach außen als weltoffen und vielfältig zu positionieren?

Pia Findeiß: Hilfreich sind erst einmal positive Beispiele für funktionierende Netzwerke und gelungene Integration von Menschen mit ausländischen Wurzeln. Deshalb halte ich das Projekt Weltoffene Kommune mit den Good Practice-Beispielen für sehr wichtig. Was es auch braucht, sind Weiterbildungen bis in die unteren Verwaltungsebenen.

"Auch ich persönlich brauche Kommunikationsstrategien. Jeder muss selbst entscheiden, ob er den Druck aushalten möchte, aber Unterstützungsangebote können dabei helfen."

Welche Themen interessieren Sie gerade besonders? Haben Sie Interesse an Inhalten wie Umgang mit Druck von Rechts, Kommunikationsstrategien, Rechtsberatung oder Resilienzbildung?

Pia Findeiß: Am wichtigsten sind die Kommunikationsstrategien. Wir halten Einwohnerversammlungen ab und machen mit interessierten Bürger*innen Stadtspaziergänge oder Fahrten mit Fahrrädern durch die Stadt. Die Spaziergänge und Fahrradtouren beinhalten immer verschieden Stationen, an denen Erklärungen durch Verwaltungsmitarbeiter*innen erfolgen – zum Beispiel zum Wegebau oder zu sozialen Brennpunkten. Selbstverständlich kommen dabei auch die Bürger*innen zu Wort. Bei den Versammlungen erfolgt dies in statischer Form. Wenn dann Störer oder auch Radikale kommen, zeigen wir der Bürgerschaft so, dass wir uns damit auseinandersetzen. Dadurch erreicht man die Schwankenden wiederum besser – sonst hat man eine offene Flanke. Auch ich persönlich brauche Kommunikationsstrategien. Jeder muss selbst entscheiden, ob er den Druck aushalten möchte, aber Unterstützungsangebote können dabei helfen.

Kennen Sie qualitativ hochwertige und konkrete Angebote zu diesen Themen, die für Sie in der Verwaltungsspitze hilfreich sind?

Pia Findeiß: Nein, ich kenne bisher keine. Es hilft viel, mit Kolleg*innen, Freund*innen und der Familie darüber zu sprechen. Auch Psychologen könnten dabei helfen. Ich persönlich komme aber gut mit dem Druck klar.

"Als Angebot fände ich eine Art Kompetenzgremium gut, zum Beispiel von der Staatsministerin ausgehend."

Als Oberbürgermeisterin haben Sie stark begrenzte Zeitressourcen. Welche Formate und Angebote der Vernetzung, des Austauschs, des Coachings oder der Weiterbildung wären für Sie praktisch umsetzbar und ließen sich in Ihren Alltag integrieren?

Pia Findeiß: Peer-to-Peer-Austausch lässt sich gut integrieren, zum Beispiel im Rahmen des Deutschen Städtetages. Da diese Tagungen oft zwei bis drei Tage dauern, gibt es dort Raum und Zeit dafür. Aber eigentlich sollten vor allem die unteren Verwaltungsebenen eingebunden werden, um mit Herz und Verstand die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Ein anderes Beispiel für Peer-to-Peer-Austausch: Kurz vor den Ausgangsbeschränkungen war mein Kollege aus Jena da, um beim Baum für die NSU-Opfer einen Kranz abzulegen. Da haben wir uns auch gleich ausgetauscht – in der Regel läuft das also informell ab. Als Angebot fände ich eine Art Kompetenzgremium gut, zum Beispiel von der Staatsministerin ausgehend. Das hat die Bundeskanzlerin schon einmal zu Frauenthemen angeboten.

Welche Rolle spielen für Sie dabei digitale Angebote?

Pia Findeiß: Mir ist der persönliche Austausch sehr viel wichtiger als digitale Angebote. Aber wenn es nötig ist, finde ich das auch okay.

Welche Angebote würden Sie sich noch wünschen, die Sie in Ihrem Arbeitsalltag unterstützen könnten?

Pia Findeiß: Bei uns in Zwickau werden auch immer wieder Modellprojekte von Bund und Ländern finanziert. Wichtig wäre hier eine Verstetigung, auch als Regelaufgabe in den Kommunen. Das sollte aus der Stadt selbst heraus geschehen.

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Pia Findeiß


Pia Findeiß ist seit dem 01. August 2008 Oberbürgermeisterin von Zwickau und war 26 Jahre lang in der Kommunalpolitik tätig. Unmittelbar mit ihrer Amtszeit verbunden ist das Auffliegen der rechtsextremen Terrorzelle NSU, welche in Zwickau ihren Rückzugsort hatte. Das Problem des Rechtsextremismus in ihrer Stadt war bereits zuvor wichtiger Bestandteil von Findeiß‘ politischer Arbeit. Nach zwölf Jahren legt sie am 31. Oktober 2020 ihr Amt als Oberbürgermeisterin aus persönlichen Gründen nieder.

Farhad Dilmaghani


Farhad Dilmaghani verantwortet als Vorstandsbevollmächtigter den Bereich Öffentlicher Sektor bei der PHINEO gAG. Er arbeitet seit 20 Jahren an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Sektor u.a. im Bundeskanzleramt und im Land Berlin, bei Unternehmen wie der Allianz SE und der Zivilgesellschaft mit. Er ist Spezialist für wirkungsorientierte Strategie- und Organisationsentwicklungsprozesse unter Beteiligung diverser Anspruchsgruppen.