Gastbeitrag von Prof. Dr. Petra Bendel

Nähe trotz Distanz

Das Integrationsklima in Deutschland bleibt stabil. Das zeigt das jüngste SVR-Integrationsbarometer. Ob in Arbeit, Bildung, sozialen Beziehungen und in der Nachbarschaft: Auch in Zeiten zunehmender Sorge und steigender Vorurteile ändern Menschen nicht ihre Meinung über den Freund oder die Freundin, Kolleginnen und Kollegen oder ihre Nachbarn.

Die Befragung zum Integrationsbarometer 2020 fiel in eine außergewöhnliche Zeit. Die Corona-Pandemie und damit einhergehende Beschränkungen im alltäglichen Leben sorgten allgemein für große Unsicherheit. Das Integrationsklima wurde dadurch jedoch nicht beeinträchtigt und bleibt insgesamt positiv – vor allem im Teilbereich „Soziale Beziehungen“. Hier geht es um die Bewertung und Einschätzung des Miteinanders in kultureller Vielfalt im Freundes- und Bekanntenkreis. Befragte ohne Migrationshintergrund bewerteten das Integrationsklima in diesem Teilbereich besonders positiv.

Zuversicht in allen untersuchten Bereichen

Diese optimistische Sichtweise kommt nicht überraschend. In der Langzeitbetrachtung der Daten aus den SVR-Integrationsbarometern, die seit 2010 ermittelt wurden, zeigt sich eine außergewöhnliche Stabilität. Allen Störungen vom rechten Rand sowie Vorurteilen gegenüber einzelnen Gruppen zum Trotz herrscht im Einwanderungsland Deutschland ein anhaltend positives Integrationsklima. Über alle vier Teilbereiche – Nachbarschaft, Arbeitsmarkt, soziale Beziehungen und Bildung – hinweg, zeigt sich das auch im Rahmen der jüngsten Umfrage.

Dass der Trend in der Langzeitbetrachtung so positiv ausfällt, liegt vor allem am starken Bezug des Integrationsklima-Indexes zu alltagsnahen Situationen. Im Fragenkatalog, der der Erhebung zugrunde liegt, werden vor allem persönliche Erfahrungen und Einschätzungen abgerufen. Der Index kann dadurch als geerdet bezeichnet werden. Diffuse Befürchtungen und Ängste, die kurzfristig entstehen und in der medialen Debatte manchmal auch dominierend wirken können, ändern somit nicht zwangsläufig die generell positive Einstellung zum Integrationsklima in Deutschland.

Aktuelle Entwicklungen sorgen nur kurzfristig für leichte Schwankungen

Dass auch aktuelle Entwicklungen bei den abgefragten individuellen Bewertungen eine Rolle spielen, zeigen die leichten Abweichungen im Zusammenhang mit der Flüchtlingszuwanderung aus den Jahren 2015 und 2016. Wie das SVR-Integrationsbarometer 2016 nachweisen konnte, sah im Zuge der Flüchtlingszuwanderung ein wachsender Anteil der Befragten den Wohlstand in Deutschland durch die Einreisenden zwar durchaus bedroht. Gleichzeitig sank der Integrationsklima-Index für die Befragten ohne Migrationshintergrund aber nur unwesentlich um ca. 1,5 Punkte.

Im SVR-Integrationsbarometer 2018 wurde ein „Gender Climate Gap“ festgestellt. Dabei bewerteten Männer bei den Befragten ohne Migrationshintergrund das Integrationsklima mit rund 61 Punkten deutlich pessimistischer als Frauen (67 Punkte). Inzwischen hat sich diese Lücke wieder weitgehend geschlossen: In der Erhebung von 2020 liegen die Männer mit rund 65 Punkten nur zwei Punkte hinter den weiblichen Befragten. Vor allem die sichtbaren Integrationsfortschritte von Geflüchteten haben bei den männlichen Befragten möglicherweise für eine erneut positivere Wahrnehmung gesorgt.

Persönliche Kontakte fördern gesellschaftlichen Zusammenhalt

Alle bisherigen Erhebungen haben also gezeigt: Menschen, die persönliche Erfahrungen mit Diversität gesammelt haben, sind in Bezug auf das Miteinander in kultureller Vielfalt optimistischer. Diese Entwicklung gilt für alle untersuchten Teilbereiche: Nachbarschaft, Arbeitsmarkt, soziale Beziehungen und Bildung.

Positive Erfahrungen sorgen also für eine zuversichtliche Sichtweise. Umgekehrt gilt aber auch: Negative Erfahrungen bewirken mehr Pessimismus. Zuwanderinnen und Zuwanderer, die aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert wurden, beurteilen das Zusammenleben deutlich skeptischer.

Integration bedeutet chancengleiche Teilhabe aller

Um Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen Zugang zu allen zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen, muss ihre gleichberechtigte Partizipation ermöglicht werden. Das gilt sowohl für die frühkindliche, schulische und berufsorientierte Bildung als auch den Zugang zu Arbeit, sozialen Schutz- und Sicherheitssystemen sowie der statusabhängigen politischen Partizipation. So soll ein selbstbestimmtes und transferunabhängiges Leben ermöglicht werden (vgl. SVR-Jahresgutachten 2012).

Integration ist mehrseitig

Integration bezieht sich dabei nicht nur auf Eingewanderte oder Menschen mit Migrationshintergrund, sondern ist eine Aufgabe für alle Beteiligten in einem sich stets wandelnden Sozialgefüge und muss deshalb als Querschnittsaufgabe verstanden werden. Integrationspolitik sollte also strukturelle Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe schaffen. Dabei steht sie vor einer doppelten Herausforderung, denn es gibt nicht „die eine“ Integration in „der einen“ Gesellschaft. Stattdessen gibt es zahlreiche Integrationsprozesse in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen, die aufgrund der föderalen Struktur in verschiedene Zuständigkeitsbereiche fallen. Diese Prozesse können ge- oder misslingen – in ihrem jeweiligen Bereich oder auf der entsprechenden Ebene, ohne dabei Auswirkung auf die gesamte Entwicklung haben zu müssen.

Wirken vor Ort für nachhaltige Integration

Besonders die Kommunen haben in punkto Integrationspolitik in den vergangenen Jahren ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt. Sie haben ihre Kompetenzen erweitert, sich professionalisiert und die Kooperation mit der Zivilgesellschaft institutionalisiert. Dieses Know-How und die vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten vor Ort gilt es gerade auch in Krisenzeiten zu erhalten und auszubauen.

Teilhabemöglichkeiten an Gesundheit, Wohnen, Bildung und Arbeit haben sich für Menschen mit Migrationshintergrund im Zuge der Corona-Pandemie verschlechtert. Errungenschaften der vergangenen Jahre – so das Fazit einer Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – „drohen zu versanden“. Damit sich dies nicht negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort niederschlägt, sollten Kommunen weiterhin ein integrationsfreundliches Klima unterstützen. Insbesondere wird empfohlen, Konflikte rechtzeitig zu moderieren und zwischenmenschliche Begegnungen weiterhin zu ermöglichen und fördern.

Integration ist ein Prozess

Integration im Sinne möglichst chancengleicher Partizipation kann also nur Zielansprache und Zieleröffnung, nie aber Ergebnisgarantie sein. Sie ist ein dauerhafter und ergebnisoffener interaktiver Prozess der ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Teilhabe von Menschen auf lokaler, regionaler, nationaler und transnationaler Ebene und bildet damit das Fundament für einen tragfähigen Zusammenhalt in einer sich wandelnden Gesellschaft. Dieser Zusammenhalt lässt sich messen an der Kraft, die wachsende Vielfalt nicht nur auszuhalten, sondern auch bewusst anzunehmen. Dass die Einwanderungsgesellschaft hier auf einem guten Weg ist, zeigt die grundsätzlich stabile positive Haltung zu Diversität, wie es sich im SVR-Integrationsbarometer seit Jahren nachweisen lässt.

Methodik zur Messung des Integrationsklimas

Seit 2015 wird im Rahmen des Integrationsklima-Indexes gemessen, wie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund das Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland erleben. Dafür wurden zuletzt über 15.000 Personen befragt. In den Interviews werden diverse Kenntnisse und Einstellungen der Teilnehmenden erfasst, darunter ihre Erfahrungen mit ethnischer Vielfalt, ihre Einstellung gegenüber allgemein formulierten Normen zum Umgang mit der daraus resultierenden kulturellen Vielfalt, ihre Bewertung zur Leistungsfähigkeit in diversen Bereichen und ihr Verhalten in verschiedenen Situationen, die von kultureller Vielfalt geprägt sind. Durch diese Methodik können abweichende Integrationsrealitäten besser berücksichtigt und differenzierte Aussagen ermöglicht werden. Der Integrationsklima-Index ist Teil des SVR-Integrationsbarometers, das seit 2010 zweijährlich erhoben wird. Seit 2020 wird das Integrationsbarometer von Bund und Ländern gemeinsam unterstützt. Mehr finden Sie im Methodenbericht.


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Prof. Dr. Petra Bendel


Prof. Dr. Petra Bendel ist Vorsitzende des Sachverständigenrats und Professorin für Politische Wissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist Leiterin des Forschungsbereichs „Migration, Flucht und Integration“ (MFI) und eine Projektleiterin des Verbundprojekts „Flucht- und Flüchtlingsforschung – Vernetzung und Transfer (FFVT)“. Petra Bendel ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

Quelle Foto: SVR / Michael Setzpfandt