Interview mit NRWeltoffen

Solingen gegen Rechtsex- tremismus und Rassismus

Antirassismus gehört zu den Handlungsfeldern unseres Projektes Weltoffene Kommune. Die Modellkommune Solingen kann auf langjährige Erfahrungen im Kampf gegen Rassismus zurückblicken. Als vor 25 Jahren der rassistische Mordanschlag die Stadt erschütterte, waren sich alle Akteur:innen einig: Wir werden alles tun, um rassistisch geprägten Einstellungen entgegenzutreten und ein friedliches Zusammenleben aller hier lebenden Menschen zu ermöglichen. Mit dem Projekt NRWeltoffen – Solingen führt die Stadt diese Arbeit systematisch fort. Anne Wehkamp und Michael Roden schildern Motivation und Erfahrungen im Interview mit weltoffene-kommune.de:

Seit Sommer 2017 nimmt Solingen am Landesprogramm „NRWeltoffen: Lokale Handlungskonzepte gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ teil. Was ist die Motivation zur Teilnahme für die Stadt Solingen und wie war die Ausgangssituation?

Wir wollen die Herausforderung annehmen und für eine Gesellschaft eintreten, die allen hier lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft, Glaubensrichtung oder Weltanschauung gleiche Rechte, Chancen und Anerkennung bietet. Rassistisch geprägte oder beeinflusste Einstellungen, Handlungen und Strukturen stehen dieser freien Entfaltung im Weg. Zu Beginn ging es darum, die Gesamtheit unserer Stadtgesellschaft zu sensibilisieren, welche Formen des Rassismus im Alltag existieren. Alle sollen verstehen, welche Wirkungen diese für die Betroffenen haben und welche Schritte notwendig sind, um Ressentiments abzubauen und der gleichen Anerkennung aller näher zu kommen.

Ein Ziel von „NRWeltoffen“ ist die Entwicklung und Umsetzung eines stadtweiten Handlungskonzeptes zur Stärkung von Demokratie und Menschenrechten. Wie sind Sie vorgegangen und wie ist dieses Handlungskonzept entstanden? Welche Akteure sind an dem Prozess beteiligt?

Das Handlungskonzept entstand unter breiter Beteiligung der Stadtgesellschaft, indem das Programm in zunächst vier, später fünf Handlungsfelder - Jugend, Schule, Arbeit und Wirtschaft, Sport sowie Kultur des Zusammenlebens - unterteilt wurde. Innerhalb dieser Handlungsfelder wurden Arbeitsgemeinschaften gegründet, die aus den Leitungen des Stadtdienstes Integration, des Diakonischen Werks, den Koordinierungs- und Fachstellen von NRWeltoffen und Demokratie leben!, Vertretungen des Zuwanderer- und Integrationsrates, des Beirates des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage sowie jeweiligen zivilgesellschaftlichen Fachvertretungen des Handlungsfeldes bestanden. Es wurde darauf geachtet, dass Letztgenannte mindestens paritätisch vertreten sind.

Unter weiterer Einbeziehung der Stadtgesellschaft, zum Beispiel in Form einer stadtweiten Schulbefragung unter Schüler:innen, Lehrer:innen und Schulleitungen im Handlungsfeld Schule, wurden Bedarf- und Bestandserhebungen durchgeführt. Auf deren Basis wurden Schlussfolgerungen gezogen, Ziele und Maßnahmen entwickelt und in die Umsetzungsphase überführt. Aus den Arbeitsgemeinschaften wurden im weiteren Prozess Umsetzungsgruppen.

Welche konkreten Erfahrungen gibt es? Können Sie bereits ein ganz konkretes erfolgreiches Beispiel nennen oder konkrete Angebote?

Aus dieser ersten Phase des Projektes erwuchsen mehrere Projekte, Maßnahmen und Angebote, von denen zwei beispielhaft hervorzuheben sind: Im Handlungsfeld Schule wurde die Online-Praxisplattform schule.nrweltoffen-solingen.de installiert und seitdem redaktionell betreut. Sie bietet eine Übersicht über zahlreiche Bildungsträger:innen, Projekte, Konzepte und Unterrichtsmaterialien im Themenfeld.

Auf Basis der Rückmeldungen im Handlungsfeld Jugend wurden in den vergangenen Jahren 13 Personen aus dem Berufsfeld Lehrkraft, Sozialarbeit, Pädagog:in zu Antirassismus- und Antidiskriminierungstrainer:innen fortgebildet. Ein zweiter Durchgang mit 14 Teilnehmenden, von denen mehr als die Hälfte selbst Erfahrungen mit Rassismus machen musste, beginnt im Herbst 2021.

Ähnlich der bekannten „Mitte-Studie“ der Universität Bielefeld und der FES ist auch in Solingen eine Befragung durchgeführt worden. 1.500 Solingerinnen und Solinger wurden befragt. Mit welchen Erkenntnissen? Und welche Schlussfolgerungen zieht Solingen daraus?

Die statistische und fachliche Komplexität der Studie erschwert zwar eine verknappte Darstellung in dieser Form, aber folgende, stark vereinfachten Erkenntnisse und Schlüsse ließen sich daraus ziehen. Zum einen nimmt eine überwiegende Mehrheit der Solingerinnen und Solinger einen intakten Zusammenhalt in der Stadt wahr und hegt keine menschenfeindlichen Einstellungen. Zudem wurde festgestellt, dass Teile der Bevölkerung offen sind für Verschwörungsideologien. Sie empfinden sich politisch desillusioniert oder haben feindliche Einstellungen gegen verschiedene, bestimmte Gruppierungen, zum Teil trifft beides zu. Positiv ist die Erkenntnis, dass vermehrte Kontakte und Begegnungen verschiedener Gruppen, gesellschaftliche und politische Beteiligung sowie eine Ausweitung von Bildungsangeboten geeignete Schlüssel zu einem noch stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sein scheinen. Die Schlussfolgerung daraus ist komplex. Will eine Stadt gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abbauen, sollte sie Kontakte diverser Gruppen untereinander erleichtern, politische Beteiligung ausbauen, mehr Bildung ermöglichen, das Vertrauen in Institutionen stärken und ein Klima der Anerkennung und Solidarität schaffen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!


Weitere Infos unter zusammen-solingen.de.

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Anne Wehkamp


Anne Wehkamp, Diplompädagogin und systemische Familientherapeutin ist seit 2002 Integrationsbeauftragte der Stadt Solingen und leitet den Stadtdienst Integration mit seinem Kommunalen Integrationszentrum. Wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist die Prävention gegen Rassismus und Diskriminierung und die Konzentration auf die Chancen der Vielfalt für die Weiterentwicklung der Stadtgesellschaft.

Michael Roden


Michael Roden (M.A. Soziologie, Philosophie und Deutsche Philologie) koordiniert seit 2016 die Antidiskriminierungs- und Antirassismusarbeit im Stadtdienst Integration. Das beinhaltet u.a. die Mitarbeit in den Programmen „Demokratie leben!“, „NRWeltoffen“ und „Schule ohne Rassimus – Schule mit Courage“ in unterschiedlichen Funktionen.