Dr. Franziska Becker im Interview

"Prävention als Schlüssel zum Erfolg bei akuten Konflikten"

Die Mediatorin Dr. Franziska Becker berichtet über ihre Erfahrungen bei der Konfliktberatung von Kommunen.

Samera Bartsch: Frau Dr. Becker, Sie arbeiten als Mediatorin und Ethnologin und beraten und begleiten Kommunen im Umgang mit Konflikten im Gemeinwesen. Was sind typische Anliegen, mit denen Kommunen auf Sie zukommen?

Dr. Franziska Becker: Ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist der öffentliche Raum, das heißt Stadtplätze und große Grünanlagen, wenn sie konfliktbelastet sind. Ich werde dann für Konfliktmanagement angefragt und mache unter anderem Nutzungsanalysen. Die Fragestellung ist dann beispielsweise, wie Nutzer*innen und Anwohner*innen die Konflikte wahrnehmen, wenn in einer Grünanlage die Balance nicht mehr gegeben ist, weil bestimmte Gruppen dort nicht mehr hingehen.

Es handelt sich also oft um festgefahrene, hocheskalierte Konflikte und es gibt politischen Druck, etwas zu tun. Und es gibt oft auch eine politische Hilflosigkeit. Ziele sind Prävention, die Verbesserung von Aufenthaltsqualität und die Wiederherstellung von Nutzungsbalancen. Die Orte sollen als demokratische Räume wieder Orte für alle werden.

Welche Rolle spielen Migration, Vielfalt und Teilhabe in diesen Konflikten?

Dr. Franziska Becker: Diese Dimensionen spielen immer eine Rolle, aber eine unterschiedliche. Öffentliche Räume sind als Orte der Teilhabe auch Orte, die Begegnungen ermöglichen und an denen Differenz ausgehandelt wird. Deshalb sind sie mitunter eben auch konflikthaft. Bei meiner Tätigkeit geht es darum, sie als Plätze für alle offen zu halten und zu ermöglichen, dass Gesellschaft sich in ihrem Ausschnitt mit aller sozialen und kulturellen Differenz begegnen kann.

"Wir müssen diejenigen einbeziehen, die sich selbst kein Gehör verschaffen können oder wollen"

Im Rahmen meiner Tätigkeit in einem Berliner Park war es zum Beispiel Teil des Auftrags, die sogenannten problematischen Nutzergruppen mit einzubeziehen. In diesem Fall waren es Männer aus afrikanischen Staaten, die im Drogenhandel tätig sind. Das sind Menschen, die sonst aufgrund von Aufenthaltsstatus und Kriminalitätsstruktur nicht aktiv aufgesucht werden. Aber wir müssen diejenigen einbeziehen, die sich selbst kein Gehör verschaffen können oder wollen, die aber an einem bestimmten Ort genauso präsent sind wie andere Menschen auch. Mir geht es bei meiner Arbeit um direkten, dialogischen Kontakt und einen verstehenden Zugang. Auch und gerade wenn Konflikte im Spiel sind.

Wenn Kommunen sich an Sie wenden: Wer kommt auf Sie zu und was bieten Sie konkret an?

Dr. Franziska Becker: Das ist unterschiedlich. Auftraggeber*innen können zum Beispiel Bürgermeister*innen, Verwaltungsamtschef*innen oder Leitungen von Grünflächenämtern sein. Manchmal führe ich erstmal eine konfliktfokussierte ethnografische Feldforschung durch und formuliere anschließend Handlungsempfehlungen, in anderen Fällen biete ich als Gemeinwesenmediatorin konkret Konfliktregulierung an.

Bei einer konfliktfokussierten ethnografischen Feldforschung verschaffe ich mir erstmal ein Bild: Was ist das für ein Konfliktgeschehen? Wer ist beteiligt? Wie weit hat sich die Konfliktarena ausgedehnt? Wer kann etwas zur Konfliktbeilegung beitragen? Und dann kommt es darauf an, was die Auftraggeber*innen weiter wollen.

Im Falle des Berliner Parks war es ein großer Forschungsbericht, basierend auf einer mehrmonatigen teilnehmenden Beobachtung, um eine AG aus Amtsleitungen und bürgerschaftlich Engagierten darin zu beraten, ein integriertes Handlungskonzept zu erstellen. Dann gibt es auch Aufträge, in denen der Bürgermeister erstmal sagt: "Machen Sie, dass es besser wird!" Er ist vielleicht im Wahlkampf und ich werde als eine Art Feuerwehr wahrgenommen.

"Das sind alles nachhaltige, sehr komplexe Konfliktmanagementprozesse, die viel Netzwerkkommunikation erforderlich machen."

Bei Großgruppenkonflikten, die oft sehr komplex sind, strukturiere ich den Konflikt und schaue dann, welche Akteure zusammengebracht werden müssen und welche Ressourcen nötig sind. Schließlich initiiere ich dann Strukturveränderungen, das heißt, ich bilde Praktikerrunden, in denen Personen und Institutionen vertreten sind, die sonst nicht zusammen kommen, zum Beispiel Sozialarbeit und Polizei, Kirche und Ordnungsamt. All die, die professionell Aufgaben in diesem öffentlichen Raum haben, werden in eine gemeinsame Verantwortung für die Konfliktregulierung gebracht.

Hierbei werden auch Strukturen gebildet, die quer zu den normalen Amtshierarchien verlaufen. Das sind alles nachhaltige, sehr komplexe Konfliktmanagementprozesse, die viel Netzwerkkommunikation erforderlich machen.

Wann sind Sie mit Ihrer Arbeit fertig? Oder anders gesagt: Was kann denn ein mögliches Ergebnis Ihrer Zusammenarbeit mit Kommunen sein?

Dr. Franziska Becker: Viele meiner Aufträge sind längerfristig, mitunter ziehen sie sich über viele Jahre. Kein Wunder, denn die Ziele sind herausfordernd: Gemeinwesennetzwerke aufbauen, Akteure an einen Tisch bringen, die Schnittstellenarbeit zwischen Zivilgesellschaft in ihrer ganzen Diversität mit Verwaltung, Sozialarbeit und Ordnungsbehörden stärken. Konkrete Ergebnisse können darüber hinaus sein, dass ich den Ansatz ins Feld bringe, sogenannte problematische Nutzergruppen in die Problemlösung einzubeziehen und sie nicht wie andernorts durch repressive Verdrängung auszugrenzen.

In einem Fall wurde durch meine Arbeit auch das unsichtbare bürgerschaftliche Engagement sichtbar, von dem der Bürgermeister nichts wusste. In dem Fall waren das Formen von Solidarität und Netzwerkarbeit, die sich nicht im Gemeinderat oder in Vereinen äußern.

Das heißt, die Verwaltung lernt dann auch noch etwas dazu?

Dr. Franziska Becker: Ja, das hoffe ich. Gute Auftraggeber*innen sind sehr neugierig. Manchmal wissen Bürgermeister*innen gar nicht, was in ihrem Quartier tatsächlich los ist. Zusammenarbeit mit Kommunen bedeutet auch, sozialpolitisch relevante Fragestellungen sichtbar zu machen. Beispielsweise haben wir an einem öffentlichen Platz in Berlin größere Gruppen junger drogenabhängiger, teils obdachloser geflüchteter Männer, deren Problematik oft unsichtbar bleibt. Es ist sehr schwer, das als Einzelfallproblematik ins Sozialamt einzubringen, weil es quer liegt zu den klassischen Aufgaben des Sozialamts.

Was sind beispielhafte Ergebnisse, wenn Sie konkret Konfliktregulierung machen?

Dr. Franziska Becker: Beim Leopoldplatz in Berlin-Wedding, der genau so ein Ort ist, war es zu Beginn ein großer Konflikt mit vielen Beteiligten, auch aus der Drogenszene. Es hat lange gedauert, den Konflikt zusammen mit der Szene zu regulieren. Wir haben schließlich einen alternativen Aufenthaltsort am selben Platz aufgebaut, der etwas im hinteren Teil liegt. Der vordere Platz, an dem sich viele nicht mehr wohl gefühlt haben, ist wieder ein Platz für alle geworden. Das war auch das Ergebnis einer stabilen, niedrigschwelligen, aufsuchenden Arbeit mit der Szene.

Konflikte werden häufig als etwas Negatives gesehen, dass es zu vermeiden gilt. Welche Haltung gegenüber Konflikten erleben Sie bei den kommunalen Akteuren, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Dr. Franziska Becker: Oft ist es wie gesagt so, dass ich wie eine Art Feuerwehr gerufen werde. Das heißt, dass etwas dann schon eskaliert ist oder ein Konflikt schon sehr lange schwelt. Ein Bezirksbürgermeister meinte dann einmal: "Sie müssen nur einfach etwas machen, damit es besser wird." Da ist kein besonderer Präventionsgedanke zu erkennen. Es wäre schön, wenn nicht nur akut reagiert wird, sondern auch Präventionsarbeit gemacht wird. Wer gute Präventionsarbeit macht und funktionierende Netzwerke hat, kann wesentlich einfacher akut auftauchende Konflikte in diesem Netzwerk bearbeiten.

"Manchmal sehen Auftraggeber*innen auch nicht, dass sie oder ihr Amt Teil der Konflikteskalation sind"

Manchmal sehen Auftraggeber*innen auch nicht, dass sie oder ihr Amt Teil der Konflikteskalation sind. Denn Ämter sind oft überfordert oder Zuständigkeiten werden hin und her geschoben. Dann ist es wichtig, dass Verwaltung, Polizei oder andere Beteiligte ihre Verantwortung erkennen. Sie sind beteiligt, sowohl an der Nichtbearbeitung von Konflikten als auch an der Möglichkeit, Konflikte zu regulieren. Dann gibt es noch die Haltung, dass Konflikte dem Image schaden. Wenn ich konfliktfokussiert arbeite, heißt es dann: "Nein, das ist doch viel zu negativ."

Was für ein Blick auf Konflikte ist hilfreich?

Dr. Franziska Becker: Konflikte sind einfach da. Sie sind ein Teil sozialer Wirklichkeit. Und Konflikte sind auch Motoren für Wandel. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Gesellschaft ohne Konflikte gar nicht verändert. Und natürlich sind Konflikte auch Ausdruck sozialer Spannungen und ungelöster Probleme. An meinen Beispielen aus den Berliner Parks wird die Frage der Bleibeperspektive und das ganze Thema Migrationspolitik sichtbar, da viele der jungen Männer keine Bleibeperspektive haben und im Drogenhandel gelandet sind.

Dieses gesamtgesellschaftliche Problem lässt sich nicht in einem Park lösen; das kriegt ja nicht einmal die EU hin! Es geht insgesamt nicht darum, Konflikte zu lösen. Oft gibt es die Vorstellung, dass etwas schnell weggemacht werden soll. Mir geht es aber darum, Konflikte konstruktiv und allparteilich zu begleiten.

Haben Sie ganz konkrete Tipps, was Kommunen tun sollten, wenn Sie einen Konflikt wahrnehmen?

Dr. Franziska Becker: Da kann ich keine konkreten Tipps geben. Jedes Feld ist anders und das kommt auf den Konflikt an. Vielleicht nicht gleich dem Reflex folgen, dass die Sozialarbeit es richten soll. Sozialarbeit ist zwar ein wichtiger Baustein, aber es gehört mehr dazu. Meine Empfehlung wäre, dass Kommunen sich Unterstützung holen und dass der Konflikt mal professionell angeguckt wird in all seinen Dimensionen.

Sie arbeiten mit verschiedenen Kommunen in Deutschland zusammen. Ihrer Einschätzung nach: Wie gut sind Kommunen schon im Umgang mit Konflikten aufgestellt und hat sich da auch etwas verändert?

Dr. Franziska Becker: Ich kann nur für die Kommunen sprechen, mit denen ich zusammenarbeite. Für alle anderen kann und will ich keine Einschätzung formulieren. Ich weiß, dass es in vielen Kommunen schon Präventionsräte gibt. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn eine Kommune offen ist für Präventionsarbeit. Das heißt, sie haben auch ein Interesse daran, dass nachhaltige Konfliktregulierung als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen wird.

Denn abschließend ist zu sagen, dass das Gemeinwesen, dieser altmodische Begriff, nicht per se vorhanden ist. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern und entsprechende Maßnahmen ergreifen, dass dieses Gemeinwesen von uns hergestellt, gelebt und immer wieder aktiviert wird.

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Dr. Franziska Becker


Dr. Franziska Becker, Ethnologin und Mediatorin. Arbeitsschwerpunkte: Mediation und Konfliktmanagement (insb. Großgruppenkonflikte im öffentlichen Raum), ethnographisch basierte Konfliktforschung, Gemeinwesen- und Sozialraumarbeit, kommunale Beratung, Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten sowie Publikationstätigkeit.

Samera Bartsch


Samera Bartsch bringt ihr Fach- und Praxiswissen in Migrations- und Antidiskriminierungspolitik, ihre mehrjährige Erfahrung als Evaluatorin, sowie ihre Begeisterung für die Themen Empowerment, Teilhabe und Rassismuskritik in die Weiterentwicklung des Modellprojekts ein. Als Projektleitung sorgt sie insgesamt für den Überblick über die verschiedenen Prozesse mit den Modellkommunen.