Interview mit Alexander Klindtworth-März

„Ach, Du bist es, Alex!"

Der Leiter der Stabsstelle Integration und des Arbeitsbereiches Quarantäne/Corona-Kontrollen in Flensburg berichtet im Interview mit weltoffene-kommune.de über eine Sonderimpfaktion mit großer Wirkung für Integration und Zusammenhalt in der Kommune.


Herr Klindtworth-März, warum sind Corona-Maßnahmen für bestimmte Zielgruppen mit Migrationshintergrund nötig?

Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind gegenüber der Corona-Pandemie unsicher, es wurden ja auch viele Falschmeldungen verbreitet. Unsere gängigen Medien werden von vielen nicht konsumiert – sondern es findet bei vielen Migrant:innen Information überwiegend über mündliche Kommunikation statt. Beispielsweise denke ich an eine Begegnung mit einem Geflüchteten aus Syrien, dessen Vater Arzt in Syrien ist und allen Familienangehörigen aufgelegt hatte, sich nicht impfen zu lassen, bevor er dem nicht zustimmt. Der Geflüchtete aus Syrien hat sich dennoch über unsere Sonderimpfaktion informiert und impfen lassen und sich hier von seinem Vater abgegrenzt.

Zwar haben wir bereits vor der Sonderimpfaktion Infos in 7 Sprachen auf der Website in einem multilingualen Portal veröffentlicht, aber das liest nicht jeder. Wir haben auch Videos zu Corona aufgenommen. Aber das alleine hat nicht gereicht.

Manche Leute in der Stadt sind einfach schwieriger zu erreichen, weil sie beispielsweise noch nicht so lange hier sind und die deutsche Sprache nicht gut genug kennen. Die Informationsdichte in den Medien hat zudem viele überfordert. Wir haben daher festgestellt: Hier ist Unterstützung nötig.

Manchmal mussten wir auch als „Feuerwehr“ auftreten. Beispielsweise gab es in einem bestimmten Betrieb eine hohe Corona-Infektionszahl, hier arbeiten zu fast 80 % Menschen mit Migrationshintergrund. Wir haben hier Gespräche geführt und festgestellt, dass sich viele gar nicht bewusst waren, dass beispielsweise die AHA-Regeln einzuhalten sind. Auch manche Firmen stehen hier vor Herausforderungen und brauchen Unterstützung. Und das Gesundheitsamt haben wir durch Übersetzungen von Infos unterstützt. Wir haben aufgeklärt und informiert. Dabei greifen wir auf Dolmetscher:innen zurück, Professionelle sowie Ehrenamtliche aus Migrantenorganisationen bzw. vom Runden Tisch für Integration, und nutzen auch Video-Dolmetschen. Einer unserer Mitarbeiterinnen koordiniert dies.

Wie sind Sie genau vorgegangen?

Wir hatten die Möglichkeit durch das Land, eine Sonder-Impfaktion durchzuführen und haben daher ein mobiles Impf-Team nach Flensburg bekommen.

Wir haben uns überlegt, wie können wir die Leute erreichen? Entsprechende Stadtteile und Orte haben wir identifiziert, wo viele Migrant:innen hingehen, beispielsweise die Flensburger Neustadt. Hier haben wir ein leerstehendes Gebäude für die Impfaktion genutzt. Wir haben alle Moscheen und andere religiöse Gemeinschaften angesprochen, mit mehrsprachigem Material und mit leichter Sprache gearbeitet. So wurden nach dem Freitagsgebet die Info-Zettel an die Moscheebesucher:innen verteilt.

27 Migrantenorganisationen wurden zu einer Videokonferenz von einem Impfarzt eingeladen, der über Corona und über die Sonderimpfaktion informiert und Fragen beantwortet hat. 10 der Migrantenorganisationen waren bei diesem Treffen vertreten. Diese waren für ihre jeweilige Community wichtige Multiplikatoren. Auch Vereine wie die Flüchtlingshilfe Flensburg e.V. konnten durch ihre Arbeit und ihre Kontakte viele Menschen erreichen, dort haben auch mehrere Impftermine stattgefunden.

Um die Impfteilahme zu organisieren, haben wir mit Anmeldelisten gearbeitet. Dies haben auch einige der Migrantenorganisationen auf unsere Empfehlung hin getan. Beispielsweise habe ich gute Kontakte zum iranischen Kulturverein. Dessen ehrenamtliche Mitarbeiterin hat eine Liste für ihre Community mit Kontaktdaten erstellt und die Leute angesprochen und beraten.

Insgesamt haben wir ca. 2380 Impfdosen können, so dass so gut wie nichts übriggeblieben ist. Ich bin Leiter des Corona-Teams und ein mehrsprachiger Kollege unseres Teams hat auch die Ehrenamtlichen beraten und unterstützt. Das Ganze ist so gut angenommen worden, dass wir an anderen Standorten in Kürze weitere Impftermine anbieten.

Gibt es Beispiele für Erfolge oder Misserfolge?

Wir merken, dass, seit wir das machen, immer mehr Unternehmen und private Personen sich an uns wenden. Wir haben eine Öffnung erreicht und ein sehr positives Feedback erhalten, beispielsweise von Unternehmen gegenüber der Oberbürgermeisterin. Wir werden bei Migrationsthemen sowie Pandemie-Angelegenheiten als Ansprechpartner gesehen. Ein Unternehmer rief mich zu ganz normalen Corona-Fragen aus dem Ausland an.

Leider konnten wir nicht alle Personen erreichen, da es trotz Aufbereitung von Informationen und professionellen Dolmetschern auch, wie überall beispielsweise Corona-Leugner gibt.

Wie haben Sie die Menschen angesprochen?

Wir sind dahin gegangen, wo die Leute sind. Ein rumänischer Laden ist beispielsweise der Dreh- und Angelpunkt für die rumänische Community. Wir haben die Ladenbesitzerin angesprochen, um über sie die Menschen zu erreichen. Die Zeitarbeitsfirmen, die viele Menschen unterschiedlicher Staatsangehörige haben, haben wir ebenfalls gebeten, die Infos weitergeben. Das ist zum überwiegenden Teil gelungen. Ein Unternehmen hat uns pro aktiv nach russisch-sprachiger Information gefragt, das haben wir dann nachgeliefert.

Wir sind in einer arabisch-stämmigen Nachbarschaft von Tür zu Tür gezogen, um Leute anzusprechen. Wir sind fünf Mitarbeitende im Team und haben uns die Arbeit aufgeteilt. Wir haben gezielt Leute aufgesucht, die eine Multiplikatoren-Rolle einnehmen können. Eine Kollegin hatte gute Kontakte über ihren Newsletter, ein anderer Kollege die konkreten Ansprechpartner über Religionsgemeinschaften. Klar war: Wir müssen die verschiedensten Kanäle nutzen, uns breit aufstellen.

Was können Sie anderen Kommunen mit auf den Weg geben?

Wichtig ist: immer ins Gespräch gehen, die Leute ansprechen. Wie nehmt Ihr das Thema wahr? Sind die Informationen verfügbar? Kommen die Infos an? Den Dialog mit denen suchen, die es wirklich betrifft. Die Migrant:innen, die Vereine, die Flüchtlingshilfe. Das kann ich sehr empfehlen! So sind wir auch auf Facebook aufmerksam geworden, seitdem laufen über die Facebook Kanäle der Oberbürgermeisterin auch die mehrsprachigen Informationen.

Wir haben insgesamt an 7 Standorten mehrere Termine mit 150 Impfungen durchgeführt, die fast alle komplett verimpft wurden. Insgesamt ca. 2380 Impfdosen. Wir werten das als großen Erfolg. In den nächsten Wochen werden wir das genauer auswerten. Es war ein Lernen während des Prozesses selbst. Wir haben als Team reflektiert: Sind die Maßnahmen die richtigen oder würden wir etwas anders machen? Ein Fazit: Der persönliche Kontakt ist am wichtigsten. Mir hat auch geholfen, dass ich letztes Jahr im Gesundheitszentrum war und auch Leiter des Corona-Teams geworden bin. So konnte ich die Abläufe kennen lernen. Umgekehrt kannten wir auch die Moscheevereine und Migrantenorganisationen und konnten herausfinden, wie wir am besten vorgehen können. Durch diese Kontakte hatte ich das Vertrauen der Menschen – selbst, wenn ich eine Ordnungsamtjacke anhatte, wurde ich begrüßt: „Ach, Du bist es, Alex!“.

Das Interview führte Claudia Walther, Projektleitung Weltoffene Kommune bei der Bertelsmann Stiftung.

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Alexander Klindtworth-März


Alexander Klindtworth-März hat Bildungswissenschaften studiert, als Lehrer gearbeitet und eine Jugendhilfeeinrichtung geleitet. Bei der Handwerkskammer Flensburg beriet er kleine und mittelständische Unternehmen bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Seit 2019 ist er Leiter der Stabsstelle Integration bei der Stadt Flensburg.

Claudia Walther


Claudia Walther, Senior-Projektmanagerin, ist seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung. Ihre Themen: Einwanderung und Vielfalt in Kommunen. Sie leitet das Projekt Weltoffene Kommune bei der Bertelsmann Stiftung und arbeitet im Programm LebensWerte Kommune.