Doppelinterview

"Komplexe Probleme sind nur gemeinsam zu lösen"

Die Modellkommune in Ludwigshafen und die Non-Profit-Organisation EDUCATION Y haben sich zusammengetan, um gemeinsam für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Im Doppelinterview beschreiben sie, wie genau das aussieht, welchen Herausforderungen sie begegnen und was andere Kommunen davon lernen können.

Julia Kaesemann: Frau Messinger und Frau Kizhukandayil, EDUCATION Y als Non-Profit-Organisation und die Kommune Ludwigshafen – das sind zwei sehr unterschiedliche Akteure aus verschiedenen Sektoren. Welches Ziel eint Sie?

Messinger: Unser gemeinsames Ziel ist, Kindern und Jugendlichen eine gute Zukunft zu ermöglichen

Kizhukandayil: In einer von Vielfalt geprägten Stadt wie Ludwigshafen am Rhein leben Menschen unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft. Es ist unser gemeinsames Ziel, herkunftsbedingte Bildungsbenachteiligungen abzubauen. Dazu wollen wir junge Menschen im Übergang von der Schule in Ausbildung mit wirksamen und aufeinander abgestimmten Unterstützungsangeboten in ihrem Entwicklungs- und Bildungsprozess stärken. Wir erhoffen uns, ihnen damit verbesserte Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe eröffnen zu können.

Wie genau versuchen Sie dieses Ziel gemeinsam zu erreichen?

Kizhukandayil: Wir glauben, dass die Lösung eines sehr komplexen sozialen Problems wie Bildungsungerechtigkeit im Übergang Schule-Beruf besser gelingt, wenn verschiedene Akteure aus unterschiedlichen Bereichen wie Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft etc. zusammenarbeiten: Unser Projekt Zukunftsträger führt deswegen verschiedene Partner zusammen, um gemeinsam zu wirken. Dazu braucht es geeignete Kooperations- und Kommunikationsstrukturen, die der Komplexität der Projektaufgabe auch gewachsen sind.

Messinger: Zunächst haben wir deswegen ein Team bestehend aus einer Mitarbeiterin der Stadt Ludwigshafen und zwei Mitarbeiterinnen von Education Y zusammengestellt, die mit allen relevanten Akteuren, im Bereich Übergang Schule-Beruf ein gemeinsames Ziel definieren, zusammen mit den Akteuren in den beteiligten Einrichtungen geeignete bedarfsgerechte Angebote entwickeln, gemeinsame Erfolgsindikatoren zur Wirkungsermittlung benennen und sich durch ihre Maßnahmen gegenseitig verstärken.

Neben diesem Projektteam gibt es einen das Projekt begleitenden Lenkungskreis, in dem Vertreter*innen der beteiligten Institutionen als strategische Partner*innen den Projektprozess begleiten.

Kizhukandayil: Schulen und Ausbildungsbetriebe werden im Zentrum der Aktivitäten stehen, denn über sie führt der Weg in den Beruf. Und natürlich richtet sich der Fokus auf das breite Spektrum an unterstützenden, begleitenden, fördernden Institutionen und Angeboten. In den drei sich überlappenden Handlungsfeldkreisen Schule, Übergangsbereich und Ausbildungssektor werden Kommunikationsstrukturen etabliert, um Bedarfe und Angebote zusammenzuführen.

Sie arbeiten an den Themen Bildung, Berufsqualifizierung und Jobeinstieg von Jugendlichen. Welche Rolle spielt das Thema Migration bei Ihrer Arbeit?

Kizhukandayil: Das Thema Migration und die vielfach damit verbundenen prekären sozialen Lebenslagen spielen bei unserer Projektarbeit in Ludwigshafen eine wichtige Rolle. Etwa jedes vierte Kind unter 15 Jahren bezieht in Ludwigshafen aktuell Leistungen zur Grundsicherung. Auffällig ist die große Spreizung des Anteils (3,5% - 42,8%) in den einzelnen Sozialräumen.

Mehr als jeder zweite junge Mensch unter 21 Jahren hat einen Migrationshintergrund. In den Realschulen PLUS sind es ca. 60% der Schüler*innen, im Berufsvorbereitungsjahr etwa 44%. Rund 13% der Schüler*innen verlassen das allgemeinbildende Schulsystem ohne Abschluss der Berufsreife.

"Für unsere Arbeit bedeutet dies, dass wir das Thema Migration und soziale Lebenslage bei allen Maßnahmen, die wir angehen wollen, mitdenken müssen."

Frau Messinger, wie greifen innerhalb der Kommune die Maßnahmen zu Themen wie Migration, Bildung und Jugendarbeit ineinander?

Messinger: Die Themen Migration und Vielfalt prägen die Stadtgesellschaft von Ludwigshafen seit vielen Jahren. Es besteht eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachressorts und die politischen Akteure werden beteiligt.

Es gibt einige sehr fundierte Kooperationsebenen in Ludwigshafen (AGs, Runde Tische, Planungs-AGs, institutionen- und trägerübergreifend). Dafür stehen folgende Beispiele:

  • Mit dem „Netzwerk Eltern und Kinder in der Gartenstadt“ gibt es ein aktives Netzwerk einer sozialraumbezogenen Bildungslandschaft, das unter Beteiligung verschiedenster Einrichtungen im Stadtteil, wie etwa der Familienbildung, der Sportvereine, der Bürger*innen und zivilgesellschaftlichen Initiativen Kontakte unter jungen Familien stärkt.
  • In den Bereichen Kita und Kinder- und Jugendarbeit gibt es Kooperationsstrukturen in der Zusammenarbeit mit Trägern, Initiativen, Vereinen und Verbänden.
  • Sehr vielseitig und auf Familien und den umgebenden Stadtteil orientiert, arbeiten Einrichtungen der Jugendhilfe, Schulsozialarbeit und Schulen zusammen. Die Angebote sind direkt auf die Unterstützung der Entwicklung der jungen Menschen ausgerichtet.
  • Sozio-Kultur-Projekte und Schultheatertage stehen für die Zusammenarbeit mit den Kultureinrichtungen. Kulturelle Bildung ist ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung, Angebote gibt es im schulischen und außerschulischen Bereich.
  • Eltern mit und ohne Migrationshintergrund engagieren sich in den Elternbeiräten von Kitas und Schulen.
  • Fest implementierte Kooperationsnetzwerke über verschiedene Institutionen und Rechtskreise hinweg sind das Haus des Jugendrechts, der Rat für Kriminalitätsverhütung und die Jugendberufsagentur, die sehr engagiert junge Menschen dabei unterstützen einen selbstbestimmten Weg in ein eigenständiges Leben zu finden.
  • Mit der Integrationsbeauftragten gibt es vielfältige Kooperationsebenen: Runder Tisch Asyl, Lenkungskreis zur Erarbeitung einer Strategie für Qualität und Vielfalt, Kooperation in den Bereichen Inklusion und Teilhabe sowie aktuell als Modellkommune im Programm „Weltoffene Kommune“. Mitglieder des Migrationsbeirates unterstützen kommunale Projekte.

Über diese kommunalen Angebote hinaus haben wir natürlich auch Interesse, mit anderen Akteuren spannende Projekte wie Zukunftsträger zu gestalten.

"Mit einer Partnerin wie Education Y zusammenzuarbeiten, bereichert uns, da die NPO nicht nur unser Bildungsverständnis teilt, sondern auch bereits in der Metropolregion Rhein Neckar verankert ist."

Stichwort andere Akteure – wie können sich Zivilgesellschaft und Kommunen ganz konkret gegenseitig unterstützen und voneinander lernen?

Kizhukandayil: Die Kommune kennt die konkreten Partner vor Ort mitsamt ihrer Historie. Von diesem Wissen und den direkten Kontakten über die Stadt können wir profitieren. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit der Kommune für uns eine Art Realitätscheck. Wir erfahren viel darüber, was vor Ort möglich ist und was nicht. Gleichzeitig steuern wir fachliche Kenntnisse bei und stellen fest, dass wir oft eine größere Freiheit in der Projektumsetzung haben als die kommunalen Akteure.

Messinger: Zivilgesellschaftliche Organisationen haben eher einen Blick von außen auf verschiedene Themen. „Thinking outside the box“ fällt ihnen damit oft leichter. Durch die Augen dieser Organisationen erhalten auch wir neue Perspektiven und Erfahrungen – insbesondere, wenn Kooperationen zu diversen NPOs bestehen. Denn jede Organisation hat ihre eigene Wahrnehmung und Handlungsspielräume. In der Zusammenarbeit können sich vielseitige Handlungsmuster entwickeln, durch die auch wir uns weiterentwickeln.

Was braucht es, damit Projekte zwischen Kommune und Zivilgesellschaft gut gelingen?

Kizhukandayil: Alle Akteure und Engagierten haben besondere Fähigkeiten, die etwas bewirken können. Wenn alle Partner*innen diese Fähigkeiten, sowie ihre Kontakte, Erfahrungen, Kenntnisse und Potenziale zusammenlegen, dann können sie deutlich mehr erreichen als alleine. Die Zusammenarbeit muss aber gut koordiniert und die Rollen eindeutig geklärt werden, denn die Verantwortungsebenen sind unterschiedlich.

Messinger: Im Feld des Übergangs von der Schule in Ausbildung bietet sich die ressortübergreifende Zusammenarbeit direkt an, weil so viele unterschiedliche Institutionen beteiligt sind, deren Einflussbereiche weit über kommunale Zuständigkeiten hinaus reichen. Um für dieses oder andere passende Themen kommunale Lösungsstrategien zu entwickeln, müssen wir aber erst die sozialräumlich bedarfsgerechten Grundlagen gut ausloten. Anschließend kommt es darauf an, sehr klare und konkrete Schritte festzulegen, um die Handlungsspielräume der einzelnen Partner optimal zu nutzen.

"In die gleiche Richtung gehen, ohne die Möglichkeiten der einzelnen Beteiligten einzuschränken – das ist die Kunst."

Kizhukandayil: Man muss sich außerdem bewusst machen: Ein Projekt ist ein Experimentierraum, die Lösungen dafür aber nicht. Sie müssen nachhaltig gesichert, in die bestehenden Strukturen implementiert und finanziert werden. Ansonsten kann ein Projekt nicht über einen längeren Zeitraum wirken. Wenn die Zusammenarbeit allerdings gelingt, dann sind die Folgen oft beeindruckend. Denn funktionierende Beispiele regen weitere potenzielle Unterstützer*innen an, sich zu beteiligen. Und dann entfaltet ein Projekt einen wirklichen Mehrwert für ein ganzes Themenfeld.

Eignet sich ein ressortübergreifendes Projekt wie Zukunftsträger als Blaupause für andere Regionen bzw. Kommunen?

Messinger: Mit dem Projekt Zukunftsträger wollen wir in Ludwigshafen selbst den geeigneten Weg für uns finden. Gleichzeitig stellen wir unsere Überlegungen auch von Anfang an anderen Kommunen zur Verfügung. Denn auch wenn es weniger um eine Blaupause geht, so wollen wir Anregungen und Erfahrungen öffentlich teilen, damit andere davon profitieren können. Jede Kommune hat eigene Strukturen, Kooperationsformen und Möglichkeiten. Deshalb macht es Sinn, dass auch jede Kommune eine individuelle Strategie entwickelt, die vor Ort gelingen kann.

Kizhukandayil: Es ist unser erklärtes Ziel, dass unser Modell für den Übergang von der Schule in den Beruf nicht nur in Ludwigshafen funktioniert, sondern auch auf andere Kommunen übertragbar ist. Dazu wird es in Zukunft eine eigene Struktur geben, um den Austausch zum Thema pflegen zu können. So ergibt sich eine Chance, dass Ergebnisse des Projekts tatsächlich in anderen Kommunen ebenfalls wirksam sein können.

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Sibylle Messinger


Sibylle Messinger arbeitet für die Jugendhilfe- und Bildungsplanung in der Stadt Ludwigshafen. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Bildungs- und Entwicklungsförderung entlang der gesamten Bildungskette, sozialräumliche und bedarfsgerechte Entwicklung von Bildungsangeboten, Verbesserung der Bildungsteilhabe und Ausbau von Bildungsnetzwerken.


Julia Kizhukandayil


Julia Kizhukandayil leitet aktuell das Projekt "Zukunftsträger-Gemeinsam Berufseinstiege schaffen" in Ludwigshafen. Sie ist Senior Projektmanagerin in der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart und war zuständig für den Bereich Kulturelle Teilhabe im Thema Bürgergesellschaft.

Julia Kaesemann


Julia Kaesemann arbeitet seit 2018 für die PHINEO gAG. Sie betreut u.a. die Kommunikation im Projekt Weltoffene Kommune. In ihren Projekten beschäftigt sie sich mit der Frage, wie gelungene Kooperationen zwischen den Sektoren aussehen können. Inhaltlich liegt ihr Fokus bei den Themen Migration und gesellschaftlicher Zusammenhalt.