Bericht Selbstcheck-Workshop

Schulterschluss in der Verwaltung

Weltoffenheit hat in Dessau-Roßlau eine lange Tradition. Die Geschichte der Stadt ist eng verbunden mit Reformation und Aufklärung, Bauhaus ist hier zu Hause. Heute leben Menschen aus über 130 Nationen in Dessau-Roßlau. Syrische, chinesische, polnische und viele weitere Communities ebenso wie internationale Studierende prägen das Bild der Stadt. Gleichzeitig dürfen aber auch Vorfälle wie der Mord an Alberto Adriano (2000) und der gewaltsame Tod Oury Jallohs (2005) nicht in Vergessenheit geraten.

Vor diesem Hintergrund hat sich das Integrationsbüro der Stadt Dessau-Roßlau um die Teilnahme im Modellprojekt „Weltoffene Kommune“ bemüht. Ziel der Teilnahme war es, Herausforderungen wie dem demographischen und strukturellen Wandel entgegenzuwirken, den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft zu stärken und die Diversitäts- und Integrationsarbeit vor Ort strategisch weiterzuentwickeln. Ein Blick auf den Selbstcheck-Workshop und die Ergebnisse zeigt: Der Stadt ist es ganz offensichtlich gelungen, sich diesen selbst gesteckten Zielen zu nähern.

Der Selbstcheck-Workshop

Der Selbstcheck-Workshop in Dessau-Roßlau fand im Juli 2020 mit rund 20 Teilnehmenden statt. Neben dem Integrationsbüro waren die Ausländerbehörde und das Personalamt, Mitglieder des Stadtrats sowie Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen wie das Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) e.V., der offene Kanal der Stadtmarketing GmbH oder die Stiftung Bauhaus vertreten.

Ziel des Selbstcheck-Workshops war die Selbsteinschätzung zum Stand der Weltoffenheit durch Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft und die Weiterarbeit an strategischen Zielen und Verantwortlichkeiten. Der intensive Austausch während des Workshops führte letztlich zu einer Schwerpunktlegung auf die interkulturelle Öffnung der Verwaltung und die Stärkung des Ehrenamts vor Ort.

Neben der Reflexion und Weiterentwicklung der kommunalen Diversitätsarbeit hat der Workshop in Dessau-Roßlau drei wichtige Ergebnisse gebracht:

1. Austausch zwischen Migrant*innenselbstorganisationen und Ausländerbehörde

Im Austausch zwischen Migrant*innenselbstorganisationen und Ausländerbehörde treffen sehr verschiedene Perspektiven aufeinander: Während die einen die Perspektive von Menschen mit internationaler Geschichte vertreten, deren Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen kennen und sie in Anerkennungsverfahren, Aufenthaltsregelungen oder beim Spracherwerb unterstützen, vertritt die andere Staat und Verwaltung. Die Ausländerbehörde legt eine Priorität auf die Einhaltung von Regeln und Vorschriften. Dabei entstehen oft Spannungssituationen, die nicht leicht aufzulösen sind. Die Begegnung zwischen Ausländerbehörde und Migrant*innenselbstorganisationen während des Selbstcheck-Workshops konnte ein erstes Aufeinanderzugehen bewirken.

Die Vertreter*innen der Ausländerbehörde erkannten die Notwendigkeit, ein tieferes Verständnis für die Lebensrealitäten der Zugewanderten zu erlangen. Die Vertreter*innen der Migrant*innenselbstorganisationen nahmen ihrerseits mit, dass sie das Wissen ihrer Mitglieder um die komplexen rechtlichen Vorgaben steigern können.

Dieses Beispiel zeigt: Der akteursübergreifende Austausch während des Selbstcheck-Workshops erhöht die Chance, die kommunale Diversitäts- und Integrationsarbeit langfristig wirksamer aufzustellen.

2. Schulterschluss von Personalamt und Integrationsbüro

    Ein weiteres Ergebnis des Selbstcheck-Workshops war der Austausch zwischen dem Personalamt und dem Integrationsbüro der Stadt. Ein wichtiger Bestandteil einer weltoffenen Kommune ist die Sensibilisierung für Diversität sowie die adäquate Repräsentation von Menschen mit internationaler Geschichte in den verschiedenen Ämtern und Bereichen der Stadtverwaltung.

    Wo bislang jedoch das Integrationsbüro ziemlich allein mit seinen Forderungen nach mehr Aufmerksamkeit für Diversitätsthemen stand, hat es nun Unterstützung durch das Personalamt erhalten. Der Selbstcheck-Workshop bot Anlass, gemeinsame Ziele zu identifizieren und erste Schritte für die Zusammenarbeit zu definieren.

    Dieses Beispiel zeigt, dass die fachbereichsübergreifende Teilnahme am Selbstcheck-Workshop die Weiterentwicklung der Verwaltung deutlich vorantreibt. Christian Altmann, Leiter des Integrationsbüros, dazu:

    „Weltoffenheit und Vielfaltssensibilität erfordern eine längerfristige Haltungsarbeit mit konkreten Zielen und Meilensteinen. Manchmal aber auch einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Dank der Unterstützung von PHINEO sowie der Bertelsmann Stiftung und insbesondere des Selbstchecks sind wir mit zahlreichen Partnern in einen konstruktiven Dialog getreten, der uns neben dem deutlichen Bedarf und dem Mehrwert vor allem bei der Realisierung eines gemeinsamen Lösungsansatz unterstützt hat. “

    3. Strategieentwicklung der Stadt

    Neben mehr Austausch zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft und Politik wurde der Selbstcheck-Workshop außerdem als Startpunkt für die Erarbeitung einer umfassenden Strategie für die Entwicklung der Stadt genutzt. Um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken und Dessau-Roßlau als Arbeitsort und Zuhause für alle Menschen attraktiv zu gestalten, braucht es eine deutliche Positionierung der Arbeitgeber*innen und Organisationen vor Ort. Aus den Diskussionen während des Workshops entstand das Ziel, dass die Stadtverwaltung als gutes Beispiel vorangeht und zeigt, wie eine diverse Mitarbeitendenschaft, die das Bild der Stadtgesellschaft widerspiegelt, zum Erfolg beitragen kann.

    Dieses Beispiel soll als Orientierungspunkt für weitere lokale und regionale Unternehmen fungieren. Zudem wurden mit der Hochschule Anhalt und dem Umweltbundesamt weitere Verwaltungen am Standort Dessau-Roßlau erfolgreich in diesen Prozess eingebunden.

    Gemeinsam haben die beteiligten Akteur*innen eine Strategie und eine Kooperationsvereinbarung entwickelt, mit Hilfe derer Verwaltungen, Organisationen und Unternehmen vor Ort in ihrer Entwicklung hin zu Weltoffenheit und Vielfalt unterstützt werden. Teilnehmende Organisationen und Institutionen werden durch die Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt mit dem Projekt „Servicestelle IQ Interkulturelle Beratung und Trainings“ begleitet.

    Als weitere Ergebnisse wurden gemeinsam mit allen Partner*innen eine Weiterbildungsreihe sowie ein gemeinsamer Fachtag für Verwaltungen konzipiert.

    Insgesamt hat die Stadt Dessau-Roßlau den Selbstcheck-Workshop bestmöglich genutzt. Die Erfahrungen aus Dessau-Roßlau zeigen, dass der bereichsübergreifende Austausch innerhalb der Verwaltung aber auch der Austausch mit Zivilgesellschaft und Politik nötig ist, um ein so zentrales Thema wie die Entwicklung unserer Einwanderungsgesellschaft voranzubringen.

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    Annalena Rehkämper


    Annalena Rehkämper ist Beraterin im Team Öffentlicher Sektor der PHINEO gAG. Im Modellprojekt Weltoffene Kommune verantwortet sie die Konzeption und Durchführung der Dialogveranstaltungen sowie die Entwicklung und Umsetzung des Selbsteinschätzungsinstruments. Hier bringt sie unter anderem ihre Erfahrungen aus der Demokratieförderung und Prozessbegleitung ein.

    Claudia Walther

    Senior Project Manager "LebensWerte Kommune" bei Bertelsmann Stiftung
    +49 5241 81 81360
    claudia.walther@bertelsmann-stiftung.de

    Claudia Walther, Senior-Projektmanagerin, ist seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung. Ihre Themen: Einwanderung und Vielfalt in Kommunen. Sie leitet das Projekt Weltoffene Kommune bei der Bertelsmann Stiftung und arbeitet im Programm LebensWerte Kommune.