Abschlussbericht

Integration: Eine kommunale Pflichtaufgabe

Nach über zwei Jahren endet im Januar 2022 das Modellprojekt „Weltoffene Kommune – Vom Dialog zum Zusammenhalt“. Ziel des Projekts war es, Städte und Gemeinden bei der zukunftsorientierten Gestaltung der Themen Weltoffenheit und Vielfalt zu unterstützen, um im Dialog den Zusammenhalt vor Ort zu stärken. Insgesamt wurden 35 Modellkommunen auf ihrem Weg zur Weltoffenheit begleitet. Das Projekt, welches von der gemeinnützigen PHINEO AG und der Bertelsmann Stiftung umgesetzt und von der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert wurde, hat verschiedene Wirkungen und Learnings hervorgebracht. Was alles dazu gehörte und was wir in dieser Zeit gelernt haben, fassen wir in diesem Abschlussbericht zusammen.


Stefan Löwl, Landrat LK Dachau

"Es wäre wichtig, den Kommunen die Integrationsaufgaben ins Pflichtenheft hineinzuschreiben – mit den entsprechenden Ressourcen, die zur Verfügung zu stellen sind."

Modul 1 - Der Selbstcheck

Herzstück des Modellprojekts war der „Selbstcheck Weltoffene Kommune“. Dieser bestand aus einem Fragebogen (den Sie weiterhin hier finden) und einem Selbstcheck-Workshop. Der Fragebogen wurde von der Verwaltung ausgefüllt, die eine erste Einschätzung dazu vornahm, wie ihre Arbeit bereits zur Weltoffenheit vor Ort beiträgt. Hier wurden also Haltung, Kultur und Struktur in der Verwaltung, Maßnahmen und Vorhaben, aber auch die Zusammenarbeit mit Akteur:innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft reflektiert. Auf Grundlage des Fragebogens ergab sich eine erste Selbsteinschätzung, was die Kommune bereits für die Weltoffenheit vor Ort tut. Im akteursübergreifenden Selbstcheck-Workshop wurde das Ganze um weitere Perspektiven ergänzt: Zusammen mit verschiedenen Verwaltungsbereichen (z.B. Personalamt, Wirtschaftsförderung, Ausländerbehörde, Stadtentwicklung), Vertreter:innen aus Politik und Zivilgesellschaft wurden diese Ergebnisse kritisch diskutiert und so um die Perspektive derjenigen erweitert, die ganz maßgeblich die Vielfaltsarbeit vor Ort mit antreiben. Der Workshop wurde genutzt, um Entwicklungspotenziale sowie Handlungsempfehlungen zu identifizieren und gemeinsam die ersten Schritte abzuleiten, die es für die weitere Arbeit benötigt. Insgesamt führten 35 Kommunen den Selbstcheck durch.

Wirkungen

Unsere Evaluation zeigt: Der Selbstcheck konnte ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten. Alle teilnehmenden Kommunen berichten, dass der Selbstcheck-Fragebogen neue Impulse lieferte und in Kombination mit dem Workshop eine Aufbruchsstimmung bewirkte. Darüber hinaus ergab sich durch den Selbstcheck die Vernetzung der relevanten Akteur:innen oder eine Stärkung des vorhandenen Netzwerks. So kam es in einigen Kommunen beispielsweise zu einer Zusammenarbeit zwischen Personalamt, Integrationsbüro und Ausländerbehörde, die vorher nicht möglich schien. Vor allem die verstärkte Zusammenarbeit mit Migrant:innenselbstorganisationen war von großer Bedeutung für Verwaltung und Politik. Der Selbstcheck, der unter anderem das Handlungsfeld „Interkulturelle Öffnung und Antirassismus“ beinhaltet, bot einen Denkanstoß, die Kultur innerhalb der Verwaltung weiterzuentwickeln oder bestärkte laufende Vorhaben in diese Richtung. Ebenso bot er Anlass, die fachbereichs- und akteursübergreifende Zusammenarbeit fortzuführen und für die Bearbeitung komplexer Herausforderungen zu nutzen.

Learnings

Ein Modellprojekt ist auch zum Lernen da – und wir haben so einiges gelernt und auch schon während der Projektumsetzung angepasst. Unsere wichtigsten Learnings sind die folgenden:

  • Der Selbstcheck zur Reflexion aktueller Maßnahmen war zentral für die Weiterentwicklung der kommunalen Diversitäts- und Integrationsarbeit.
  • Die Nachhaltigkeit des Selbstchecks hängt davon ab, ob die Intervention an laufende oder künftige Projekte anknüpfen und damit verstärkt werden kann und ob die Strukturen und verantwortlichen Personen vor Ort Ressourcen für das Thema Weltoffenheit zur Verfügung haben. Kommunen, in denen das nicht der Fall ist, benötigen eine längerfristige Begleitung, was allein durch das Projekt „Weltoffene Kommune“ nicht immer abgedeckt werden konnte. Eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Nachhaltigkeit ist, so banal das klingen mag, eine hauptamtliche Zuständigkeit mit entsprechenden Ressourcen für Integrations- und Vielfaltsarbeit der Verwaltung, die noch immer nicht überall gewährleistet ist.
  • Darüber hinaus es von großer Bedeutung, die Unterschiede zwischen Landkreisen, kreisangehörigen und kreisfreien Städten noch stärker zu berücksichtigen. Die unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen bergen verschiedene Chancen und Herausforderungen, die es auf dem Weg zur Weltoffenheit zu berücksichtigen gilt.

Modul 2 - Die Dialogveranstaltungen

Ein weiteres Angebot des Modellprojekts waren Dialogveranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern. Insgesamt konnten 18 Kommunen dabei unterstützt werden, in den Dialog mit der Stadtgesellschaft zu treten. In vielen Kommunen war es das erste Mal, dass zum Thema Weltoffenheit bzw. Vielfalt ein offener Austausch im breiten Kreis ermöglicht wurde – und das unter erschwerten Bedingungen. Wie das gesamte Projekt standen auch die Dialogveranstaltungen unter dem Zeichen der globalen Corona-Pandemie, sodass bis auf seltene Ausnahmen alle Veranstaltungen im digitalen Raum stattfinden mussten.

Dennoch war die Resonanz überwältigend: Die Teilnehmenden freuten sich sehr über die Einladung, die Möglichkeit, der Verwaltung aber auch der Politik ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten zu vermitteln, andere Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie Weltoffenheit vor Ort vorangetrieben werden kann. In einigen Kommunen wurde das Konzept des (digitalen) Dialogs aufgegriffen und weitergeführt.

Wirkungen

Es konnten verschiedene Wirkungen beobachtet werden, aber die folgenden erscheinen zentral: Neben dem Austausch unterschiedlicher Perspektiven und Lebenserfahrungen führte die Dialogveranstaltung zur stärkeren Vernetzung von Bürger:innen und Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. In Kleingruppen liefen sich Menschen über den Weg, die sich sonst nie begegnet wären, tauschten sich aus und schmiedeten gemeinsame Pläne, so dass Arbeitsgruppen und Netzwerke entstanden oder gestärkt wurden. So wurde beispielsweise eine Partnerschaft zwischen Hochschule, Verwaltung und Zivilgesellschaft begründet, die weiterhin fortbesteht. Zusätzlich wurden die Kommunen empowert, selbst Dialogformate durchzuführen und so stärker in die Kooperation mit Bürgerinnen und Bürgern zu gehen. Und schließlich entstanden neue Ideen, die nur im Austausch der unterschiedlichen Hintergründe und Perspektiven möglich waren.

Learnings

Bei der Begleitung der 18 Dialogveranstaltungen wurde deutlich, dass der Dialog zwischen Verwaltung und Stadtgesellschaft nicht ohne weiteres möglich ist. Drei zentrale Lernerfahrungen sollten Kommunen und andere Projekte dieser Art unbedingt berücksichtigen:

  • Die Kontaktaufnahme der Kommunalverwaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern ist eine kleine bis große Herausforderung, vor der viele Kommunen zum ersten Mal standen. Hinzukommt, dass das Thema Weltoffenheit komplex und nicht direkt greifbar ist – wenn dann die Kommune das erste Mal eine solche Veranstaltung organisiert, fühlen sich Einwohner:innen nicht unbedingt angesprochen.
  • Daher sind eine klare Zielsetzung und die zielgruppenorientierte Ausrichtung wichtig. Auch wenn es sich um eine „breite“ Zielgruppe von Bürgerinnen und Bürgern generell handelt, sollte sie klar definiert werden: Mit welchem Raum identifiziert sie sich – mit dem Kiez, dem Stadtteil, dem Bezirk oder der ganzen Stadt? Welche Sprachen spricht sie? Welche Anliegen und Interessen hat sie?
  • Um die Bürger:innen vor Ort zu erreichen ist auch die Einbindung von Multiplikator:innen wichtig. Vereine, Initiativen, Parteien, soziale Träger wissen genauer, welche Anliegen die Zielgruppe hat und auf welchen Kanälen sie zu erreichen ist. Die Zusammenarbeit der Verwaltung mit den Multiplikator:innen und die gemeinsame Gestaltung der Veranstaltung sind hier gewinnbringend.
  • Und schließlich haben wir gelernt: Nicht jede Veranstaltung muss von vorne bis hinten durchgeplant sein. Häufig reicht es aus, dass Verwaltung und Politik den Raum öffnen, um den Bürgerinnen und Bürgern zuzuhören, ihre Anliegen und Fragen zum Thema anhören und dann das Gespräch weitergeführt wird.

Modul 3 - Angebote für Entscheider:innen

Der Weg zur Weltoffenheit ist vielfältig und häufig herausfordernd (vor allem ist er nie zu Ende). Die Erfahrung zeigt, dass kommunale Integrations- und Diversitätsarbeit dann besonders erfolgreich ist, wenn sie Chefinnensache ist. Mit Blick auf die vielerorts aufgeheizte Stimmung in den Kommunen verlangt dies zunehmend besondere und auch neue Kompetenzen. Wenn wir Weltoffenheit stärken und gestalten wollen, dann müssen wir also auch unsere Entscheidungsträger:innen stärken. Als eine wichtige Ergänzung zu den Modulen 1 und 2 wurden in Modul 3 ein kommunenübergreifendes Peer-to-Peer-Austauschformat mit inhaltlichen Impulsvorträgen sowie Einzelcoachings für Entscheidungsträger:innen angeboten.

Die Peer-to-Peer-Austauschformate fanden in Form eines Breakfast-Talks statt: Es gab einen kurzen Impuls zu einem Thema wie Strategische Kommunikation, Kommunales Konfliktmanagement, Allianzen bilden, oder diversitätsorientierte Organisationsentwicklung, und im Anschluss wurde der Raum für den Austausch geöffnet. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Kommune gemacht? Welchen Herausforderungen begegnen Sie? Welche Tipps haben Sie? Diese und andere Fragen wurden in einem vertraulichen Rahmen diskutiert. Insgesamt fanden 6 Breakfast-Talks statt.

Die Einzelcoachings wurden durch Coach und Coachee individuell gestaltet und fanden in einem geschützten Raum statt. Wirkungen

Vor allem die Breakfast-Talks konnte eine beobachtbare Wirkung entfalten. Der Austausch im vertraulichen Rahmen ermöglichte die Vernetzung mit Kolleg:innen aus anderen Kommunen, die anders nicht hätten aufeinander treffen können, und die Erkenntnis, dass diese ähnlichen Herausforderungen gegenüberstehen, sorgte für Entlastung.

Learnings

Das Modul war eines der zentralen Angebote des Modellprojekts, doch barg es auch die größten Herausforderungen. Aus diesen konnten wir folgende Lernerfahrungen mitnehmen:

  • Ein erstes Learning ist, dass sich über die gesamte Projektlaufzeit hinweg bei den kommunalen Entscheidungsträger:innen ein großer Bedarf und Wunsch nach Unterstützung zeigte und durch wiederholte Bedarfsabfragen bestätigt wurde.
  • Ein weiteres (paradoxes) Learning ist allerdings, dass Einzelcoachings zum Thema Weltoffenheit kein passendes Angebot sind, um auf den Bedarf, den wir in den Kommunen beobachten konnten, zu reagieren. Wenige Entscheidungsträger:innen hatten die Zeit oder das Interesse, sich vertieft mit einem Coach ihren Fragen und Herausforderungen, die ihnen im Amt zum Thema Weltoffenheit begegnen, zu widmen.
  • Die Resonanz auf Angebote im Format der kollegialen Beratung war deutlich positiver. Hier gilt es jedoch, die engen Zeitpläne der Entscheidungsträger:innen zu berücksichtigen und frühzeitig zu den Terminen einzuladen.

Fazit

Das Modellprojekt „Weltoffene Kommune“ konnte Landkreise, Städte und Gemeinden in ganz Deutschland bei der Weiterentwicklung ihrer Diversitätsarbeit unterstützen und so einen Beitrag dazu leisten, dass die gleiche gesellschaftliche Teilhabe für alle mehr und mehr Realität wird. Zur Wahrheit gehört aber auch: Dieses Projekt konnte nur modellhaft testen, was Kommunen benötigen und mit welchen Tools sie in ihrer alltäglichen Arbeit mit und für die Einwanderungsgesellschaft Deutschland unterstützt werden können. Es zeigt sich, dass Verwaltungen im ganzen Land weiterhin daran arbeiten müssen, ihre Strukturen interkulturell und diversitätsorientiert aufzustellen, dass Politik weiterhin gefordert ist, einen fairen Zugang und Teilhabe für alle in allen Bereichen sicherzustellen, und dass die Zivilgesellschaft als Motor und damit als Partnerin für Weltoffenheit erkannt werden muss.

Ganz konkret schließen wir daher mit folgenden Empfehlungen:

  • Integration (in der Vielschichtigkeit und Umstrittenheit des Begriffs) sollte eine kommunale Pflichtaufgabe werden, sodass die nötigen Ressourcen abzusichern und Kompetenzen, Verantwortlichkeiten sowie Budgets klar geregelt sind.
  • Kommunen sollten eine weltoffene Haltung haben und die Relevanz von Vielfalt und Teilhabe in ihrer Verwaltungsarbeit anerkennen und hierzu verankern.

Annalena Rehkämper

Öffentlicher Sektor, Kommunalberatung bei PHINEO
+49 30 520 065 324
annalena.rehkaemper@phineo.org

Annalena Rehkämper ist Beraterin im Team Öffentlicher Sektor der PHINEO gAG. Ihr Schwerpunkt sind Strategieentwicklungs- und Beteiligungsprozesse. Sie begleitet Kommunen bei der Standortbestimmung und Prozessentwicklung hin zur Weltoffenen Kommune, sowie der Konzeption und Durchführung von digitalen und analogen Austauschformaten mit Einwohner*innen, Politik und Verwaltung.

Claudia Walther

Senior Project Manager "LebensWerte Kommune" bei Bertelsmann Stiftung
+49 5241 81 81360
claudia.walther@bertelsmann-stiftung.de

Claudia Walther, Senior-Projektmanagerin, ist seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung. Ihre Themen: Einwanderung und Vielfalt in Kommunen. Sie leitet das Projekt Weltoffene Kommune bei der Bertelsmann Stiftung und arbeitet im Programm LebensWerte Kommune.