Hannovers OB Belit Onay im Interview

"Ich habe den Eindruck, die Anfeindungen haben zugenommen"

Das Mindset einer weltoffenen Kommune muss bis in die letzten Ebenen der Verwaltung durchdringen – davon ist Belit Onay überzeugt. Im Interview spricht der Oberbürgermeister von Hannover über seine Erfahrungen auf dem Weg dorthin, dafür nötige Angebote und seinen persönlichen Umgang mit Anfeindungen.

Farhad Dilmaghani: Herr Onay, Sie wurden in der Vergangenheit immer wieder angefeindet. Passiert Ihnen das heute immer noch?

Belit Onay: Ja, die Anfeindungen haben nicht abgenommen. Ich habe sogar den Eindruck, dass sie zugenommen haben. Es hängt immer davon ab, wie öffentlich wahrnehmbar ich gerade bin. Wenn ich mich zu einem bestimmten Thema äußere, vernehme ich nochmal eine stärkere Reaktion.

Kalkulieren Sie diese Reaktion in Ihre politische Arbeit mit ein? Hemmt oder beeinflusst Sie das in irgendeiner Weise?

Belit Onay: Man gewöhnt sich ein bisschen daran, aber es wäre gelogen zu sagen, dass es an mir vorbeigeht. Ehrlich gesagt bin ich erstaunt, wie viel Energie diese Menschen da reinstecken. Es handelt sich ja nicht nur um Facebook-Posts, sondern zum Beispiel auch um Briefe. Aber in meiner politischen Arbeit lasse ich mich davon ausdrücklich nicht beeinflussen, weil genau das ja das Ziel dieser Aktionen ist.

"Ich fände einen Erfahrungsaustausch mit anderen Kommunen spannend, um daraus Strategien ableiten zu können."

Welche Austauschformate, Beratungs- oder Weiterbildungsangebote halten Sie für sinnvoll, um Ihre Kommune nach außen zu Weltoffenheit und Vielfalt zu positionieren? Welche Bedarfe werden in Ihrem engeren Entscheiderumfeld benötigt, um dieses Mindset weiterzuentwickeln?

Belit Onay: Ich fände einen Erfahrungsaustausch mit anderen Kommunen spannend, um daraus Strategien ableiten zu können. Zum Beispiel dazu, wie eine Verwaltung sich zu bestimmten Fragestellungen wie Hate Speech oder Diskriminierungserfahrungen aufstellt und wie sie für Vielfalt in Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und in vielen anderen Bereichen sorgen kann. Wichtig ist, dass dieses Mindset bis in die letzten Ebenen der Verwaltung durchdringt. Die Themen Vielfalt und Weltoffenheit müssen im Idealfall eine Querschnittsaufgabe sein – das ist kein Selbstläufer. Wie setzt eine Verwaltung das um, damit es nicht nur eine plakative Floskel bleibt, sondern auch wirklich mit Inhalt gefüllt wird?

Würden Sie sagen, dass solche Angebote bisher fehlen?

Belit Onay: Teilweise schon. Beim niedersächsischen und beim deutschen Städtetag gibt es an sich schon eine Vernetzungsebene, auf der man sich austauschen kann. Aber konkrete Angebote zu aktuellen Fragestellungen gibt es meines Erachtens in dieser Tiefe noch nicht. Eine Ausnahme sind Angebote in Bezug auf Bedrohungen und Anfeindungen von Hauptverwaltungsbeamten, das sind vor allem Kooperationen mit der Polizei unter dem Fokus der Sicherheit. Aber ich kenne keine Angebote dazu, wie ich meine Verwaltung als Bollwerk gegen Rassismus und Diskriminierung aufstelle.

"Bei grundsätzlichen Fragen um Rassismus, Demokratie oder Vielfalt muss ein Schulterschluss in der Kommunikation stattfinden."

Halten Sie Resilienzbildung für sich selbst und Ihre Kolleg*innen für notwendig und kennen Sie dazu bereits Angebote?

Belit Onay: Es gibt in der Zusammenarbeit mit der niedersächsischen Polizei Angebote für Hauptverwaltungsbeamte in unterschiedlicher Tiefe. Dass Resilienzbildung dazugehört, würde ich eher bezweifeln. Dabei ist es wichtig, dass Betroffene nicht das Gefühl haben, alleine gelassen zu werden. Schließlich ist es nicht nur eine Frage des eigenen Sicherheitsgefühls, sondern auch die, ob diese Situation mein politisches Handeln beeinflusst. Vielleicht geht es hier eher um eine demokratische Resilienz. Bei grundsätzlichen Fragen um Rassismus, Demokratie oder Vielfalt muss ein Schulterschluss in der Kommunikation stattfinden.

Kennen Sie Angebote, die eine Stadt wie Hannover operativ zu diesem Thema betreuen können oder ist das komplettes Neuland?

Belit Onay: Falls es dazu Angebote gibt, kenne ich sie tatsächlich noch nicht. Es wäre aber erstrebenswert, das über zivilgesellschaftliche Organisationen zu unterstützen. Hier in Hannover haben wir grundsätzlich starke demokratische Bewegungen in der Zivilgesellschaft, wenn es um Demonstrationen gegen Rechts oder öffentliche Diskussionen gegen Rassismus geht. Diese Werte müssen aber von Generation zu Generation weitergegeben werden, und dafür braucht es eine Bewusstseinspflege. Das ist ein zähes Geschäft, welches man mit entsprechenden Angeboten begleiten muss. Nur so kann es auch auf die Politik und in die Verwaltung einwirken.

Fänden Sie auch persönliche Coaching-Formate für den Austausch mit anderen Bürgermeistern hilfreich - zum Beispiel in Bezug auf das Bedrohungsszenario?

Belit Onay: Den persönlichen Erfahrungsaustausch fände ich sehr wertvoll, denn ich denke, es gibt viele vergleichbare Fälle und Konstellationen. Darüber hinaus braucht es aber auch Angebote, die auf die Verwaltungsstrukturen einwirken. Ich fände beides interessant.

"Ich würde mir stark praxisbezogene Beispiele wünschen – zum Beispiel dazu, wie Antidiskriminierungsstellen auf kommunaler Ebene arbeiten."

Würden Sie auch digitale Angebote nutzen, zum Beispiel eine spezielle Webinar-Reihe nur für Oberbürgermeister*innen?

Belit Onay: Unter Corona-Bedingungen hat man sich ja daran gewöhnt. Webinare könnte ich mir gut vorstellen. Man spart sich dadurch auch die An- und Abreise, was Hauptverwaltungsbeamt*innen mit vollem Zeitplan sehr entgegenkommt.

Gibt es weitere Angebote, die Sie sich für Ihren Arbeitsalltag wünschen würden?

Belit Onay: Ich würde mir stark praxisbezogene Beispiele wünschen – zum Beispiel zu folgenden Fragen: Wie kann man die Stadtverwaltung so strukturieren, dass sie sowohl die Zivilgesellschaft als auch sich selbst immer wieder gut aufstellt? Wie arbeiten Antidiskriminierungsstellen auf kommunaler Ebene? Gibt es gute Erfahrungen mit Beteiligungsformaten, um Interkulturalität und Internationalität auch als Arbeitsauftrag aus der Bürger*innenschaft abzuholen? Auch eine gemeinsame Erarbeitung solcher Beispiele kann ich mir gut vorstellen.

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Belit Onay


Belit Onay ist seit dem 10. November 2019 Oberbürgermeister von Hannover. Er ist das erste Oberhaupt einer deutschen Landeshauptstadt mit Migrationshintergrund. Er ist als Kind von Gastarbeitern aus der Türkei aufgewachsen. Das hat ihn, gerade Anfang der 1990er-Jahre, sehr geprägt. Sein Anstoß, in die Politik zu gehen, war der Mordanschlag von Solingen 1993. Zu Onays Zielen zählt die Förderung von Vielfalt als Chance und Bereicherung.

Farhad Dilmaghani


Farhad Dilmaghani verantwortet als Vorstandsbevollmächtigter den Bereich Öffentlicher Sektor bei der PHINEO gAG. Er arbeitet seit 20 Jahren an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Sektor u.a. im Bundeskanzleramt und im Land Berlin, bei Unternehmen wie der Allianz SE und der Zivilgesellschaft mit. Er ist Spezialist für wirkungsorientierte Strategie- und Organisationsentwicklungsprozesse unter Beteiligung diverser Anspruchsgruppen.