Dr. Bettina Reimann im Interview

Wie lässt sich erfolgreiche Integrationspolitik messen?

Wie lässt sich erfolgreiche Integrationspolitik an klaren Indikatoren messen? Welchen Nutzen hat Integrationsmonitoring für Kommunen - und wie kann es erfolgreich weiterentwickelt werden? Diese und weitere Fragen hat Dr. Bettina Reimann, Soziologin und Beiratsmitglied bei Weltoffene Kommune uns beantwortet.

Samera Bartsch: Frau Reimann, was kann man sich unter einem kommunalen Integrationsmonitoring vorstellen und welche Ziele verfolgen Kommunen damit?

Bettina Reimann: Bereits im Nationalen Integrationsplan von 2007 wurde festgestellt, dass sich eine erfolgreiche Integrationspolitik an klaren Indikatoren messen lassen muss. Dies haben sich viele Kommunen zu Eigen gemacht. Seit Mitte der 2000er Jahre betreibt eine wachsende Zahl von zunächst vor allem größeren Kommunen Integrationsberichterstattungen oder -monitorings. Dabei zielen die Kommunen auf ein Beobachtungssystem, das ihnen Auskunft darüber gibt, wie sich (gleichberechtigte) Teilhabe und Chancengleichheit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen – zum Beispiel Arbeit, Bildung, Wohnen – darstellen.

Was ist der Nutzen eines kommunalen Integrationsmonitorings?

Bettina Reimann: Integrationsmonitorings der Kommunen sind sehr handlungsorientiert. Sie tragen dazu bei, kommunale Handlungsbedarfe zu erkennen und können erste Hinweise zu den Wirkungen von Maßnahmen geben. Letztlich ist ein Integrationsmonitoring die Grundlage für eine stärker datenbasierte Beobachtung und Analyse von Integration(-sprozessen und -verläufen). Darauf aufbauend lassen sich Strategien und Politiken bedarfs- und zielorientiert weiterentwickeln.

Was sollte bei der Etablierung eines kommunalen Integrationsmonitorings berücksichtigt werden?

Bettina Reimann: Kommunen müssen wissen, was sie wollen und warum. Bevor sich Kommunen auf den Weg zu einem Integrationsmonitoring oder dessen Weiterentwicklung machen, sollten sie Antworten auf einige Fragen haben, insbesondere:

  • Warum will sich die Kommune mit einem Integrationsmonitoring befassen? Das heißt: Ziel und Nutzen der Datenerhebung müssen klar definiert werden.
  • Wie wollen Kommunen vorgehen – konzeptionell, personell und ganz praktisch auf der Basis welcher Kompetenzen und Datenverfügbarkeiten? Das heißt: Das Vorgehen muss schlüssig sein.
  • Es gibt viele Daten, aber welche sind relevant, zugänglich und bearbeitbar? Das heißt: Indikatoren müssen gut gewählt, begründet und handhabbar sein.

Für Kommunen ist die Handhabbarkeit der Indikatoren ein entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Praxis. Daher sollten nicht alle verfügbaren Daten für ein Integrationsmonitoring genutzt werden. Es gilt vielmehr, sinnvolle, an den Zielen und Bedarfen der jeweiligen Kommune ausgerichtete Schwerpunkte zu setzen und diese zu operationalisieren.

"Die Erwartungen an ein Integrationsmonitoring sollten nicht zu hoch gesteckt werden"

Hilfreich dafür sind neben einem handhabbaren, gegebenenfalls einheitlichen Indikatorenset vor allem die Begleitung und Unterstützung der Kommunen bei dessen Anwendung. Im Zuge der Realisierung des Nationalen Aktionsplan Integration (NAP - I) hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) eine solche Begleitung und Unterstützung als Projekt beantragt. Vorgesehen sind die beispielhafte Erprobung ausgewählter Indikatoren sowie die Intensivierung des kommunalen Erfahrungsaustauschs um die vielfach vorliegenden Erfahrungen noch besser als bislang für alle (interessierten) Städte, Gemeinden und Landkreise nutzbar zu machen.

Wichtig ist hierbei, die unterschiedlichen kommunalen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zu berücksichtigen. Denn wir sollten nicht vergessen: Kommunen dürfen sich nicht überfordern und die Erwartungen an ein Integrationsmonitoring sollten nicht zu hoch gesteckt werden.

Wo liegen die möglichen Schwierigkeiten und Grenzen eines Integrationsmonitorings?

Bettina Reimann: Erhebung und Verwaltung eines umfangreichen Indikatorensets sind auf kommunaler Ebene mit vielen Herausforderungen und einem hohen Aufwand verbunden: Es gibt beispielsweise Verfügbarkeits- und Zugriffsprobleme bei der Datenbeschaffung sowie Mängel in der Qualität der Daten. Auch könnten die Daten, die in unterschiedlichen kommunalen Fachbereichen und Zuständigkeiten (zum Beispiel Soziales, Stadtentwicklung, Wohnen, Gesundheit, Integration) zuweilen getrennt erhoben werden, noch besser als bislang verknüpft werden, beispielsweise im Rahmen integrierter Berichterstattungen. Ebenfalls verändern sich Ziele und Bedarfe im Laufe der Zeit. Und es zeigt sich: Für die Wirkungsbewertung von Maßnahmen reichen Beobachtungen über den Zeitverlauf nicht aus.

Last but not least: Bislang beschränkt sich die Erfassung des Standes von Teilhabe und Chancengleichheit vor allem auf einen Vergleich von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Dieser Fokus auf den Migrationshintergrund steht mittlerweile zu recht in der Kritik, denn er wird der Diversität der Gesellschaft nicht gerecht.

Was kann helfen und wie kann es gelingen, dass ein kommunales Integrationsmonitoring auch die Aufnahmegesellschaft ausreichend im Blick hat?

Bettina Reimann: Um die Zielerreichung von Maßnahmen überprüfen zu können, müssen regelmäßig Daten erhoben und Indikatoren gegebenenfalls angepasst werden. Um Lebenswelten und subjektive Orientierungen abzubilden, sind quantitative Daten durch qualitative Erhebungen zu ergänzen. Um das Integrationsmonitoring nicht isoliert zu betreiben, ist es mit Stadtteil- und/oder Sozialmonitorings zu verknüpfen.

Um einer Beschränkung auf den Migrationshintergrund als prioritärem Unterscheidungsmerkmal entgegenzuwirken, ist die Vielfältigkeit der Gesellschaft zu berücksichtigen, das heißt, es sind Vergleiche anzustellen, die nach Alter, Geschlecht, Lebensstil, Vorlieben, Aufenthaltsstatus und vielem mehr differenzieren. Um einer Engführung des Begriffs Integration vorzubeugen, ist konzeptionell deutlich zu machen, dass Integration die ganze Gesellschaft betrifft und nicht auf Zuwanderung zu beschränken ist (Stichworte: Teilhabe, Chancengleichheit).

Zusammengefasst: Die Weiterentwicklung eines Integrationsmonitorings geht in Richtung...

  • ...Fokussierung auf die interkulturelle/diversitätsorientierte Öffnung von Verwaltung und weiteren Institutionen vor Ort,
  • ...Weiterentwicklung zu einem Diversitäts- und/oder Teilhabemonitoring,
  • ...Erfassung subjektiver Faktoren, wie Zufriedenheit und Wohlbefinden, durch qualitative Erhebungen (Interviews), die die sehr quantitative Ausrichtung bestehender Monitoringsysteme ergänzen,
  • ...Ausrichtung an der Lebenswelt, die zum Beispiel das Wohnquartier und die Nachbarschaft, soziale Beziehungen und Netzwerke, umfasst,
  • ...Übergang zu einer integrierten Berichterstattung, indem Integration, nachhaltige Stadtentwicklung, soziales Wohnen und vieles mehr zusammengedacht und integriert behandelt werden. Die Erfahrungen und konzeptionellen Grundlagen (INSEK/Integrierte Stadtentwicklungsberichte) der "integrierten Stadtentwicklung", wie sie im Zuge der Programmumsetzung "Soziale Stadt" gemacht wurden und werden, können hier beispielgebend sein.

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Dr. Bettina Reimann


Dr. Bettina Reimann ist Soziologin und seit 2001 Projektleiterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leitung des Teams „Stadt und Gesellschaft“ am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Integration, Bürgerbeteiligung, Evaluation und Begleitforschung. Sie ist Mitglied der Fachkommission der Bundesregierung zu Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit, des Kommunalen Qualitätszirkels zur Integrationspolitik, des Beirats zum Modellprojekt „Weltoffene Kommune“ sowie der Allianz Vielfältige Demokratie.

Samera Bartsch


Samera Bartsch bringt ihr Fach- und Praxiswissen in Migrations- und Antidiskriminierungspolitik, ihre mehrjährige Erfahrung als Evaluatorin, sowie ihre Begeisterung für die Themen Empowerment, Teilhabe und Rassismuskritik in die Weiterentwicklung des Modellprojekts ein. Als Projektleitung sorgt sie insgesamt für den Überblick über die verschiedenen Prozesse mit den Modellkommunen.